Eines Baumes Rinde

Objet trouvé, Emily Polster, Bonn 16. April 2012

Gestern hat meine Tochter Emily, die in die dritte Klasse geht, eine Baumrinde mitgebracht, die sie auf dem Nachhauseweg entdeckt hat. Sie hat es in ihren Ranzen gesteckt und mir geschenkt. Das abgebrochene Stück ist etwas länger als 40 Zentimeter. Wir finden es beide sehr schön und ziemlich dick. Es hat viele Schichten. Emily hat mich auf das Moos hingewiesen.

Grobe Rinde, Botanischer Garten, Foto Henry Polster

Und wir mussten natürlich auch gleich an das Gedicht von Heinz Ehrhard denken: Hinter eines Baumes Rinde / Wohnt die Made mit dem Kinde ..), das nun heißen muss: Eines Baumes schöne Rinde / bekommt der Vater von dem Kinde ..

Rinde sagt man im übertragenen Sinne auch zur gebackenen Außenhaut des Brotes (oder Kruste, wenn sie härter ist). Da scheiden sich die Geister: Ich mochte sie als Kind besonders gerne, Emily schneidet sie lieber ab.

Definition: Als Rinde (lat. cortex) werden bei Pflanzen alle Gewebe außerhalb des Zentralzylinders bezeichnet. Wenn der Begriff im Alltag verwendet wird, ist meist jedoch nur ein Teil der Rinde von Gehölzen gemeint – meistens Bäume -, nämlich das Abschlussgewebe, das spezifischer Periderm oder Borke genannt wird.

Feine Rinde, Botanischer Garten, Foto Henry Polster

Die Rinde schützt die Pflanze und dient außerdem als Lebensraum für Kleintiere. Was sie wiederum zur Nahrungsquelle macht, zum Beispiel für Vögel. Bei verschiedenen Baumarten ist die Rinde sehr unter- schiedlich, mal dünner, mal dicker, mal glatter, mal wie schrumpelige Haut. Beispiele kann man etwa im Botanischen Garten sehen, den wir öfter  besuchen. Selbst bei gleichen Baumarten sieht keine Baumrinde wie die andere aus. Fallen Teile ab, sind es also unver- wechselbare Einzelstücke. Wie immer in der Natur.

Der Eisenholzbaum im Botanischen Garten, Foto Emily Polster

Dabei fällt die Leichtigkeit des Materials auf. Wenn man unser Stück in die Hand nimmt, immerhin fast einen halben Meter lang, ist man erstaunt, wie wenig es wiegt. Was sicher mit der geschichteten Struktur zusammenhängt. Das macht Rindenstücke einerseits stabil, aber zugleich auch bröckelig.Natürlich ist die Rinde auch ein Paradebeispiel für die Dialektik von Wachsen und Vergehen, also dafür, dass alles immer in Veränderung, in Bewegung ist. Das ist ja so einfach gesagt und so schwer begriffen. Aber, wie ich finde, sehr grundlegend.

Nutzung: Rinde ist ein Nebenprodukt in Betrieben, die Holz verarbeiten und dabei Stämme „entrinden“. Dabei fallen allein in Deutschland jährlich zirka 4 Millionen Kubikmeter Baumrinde an. Der Rindenanteil beträgt etwa 10 % an der gesamten Holznutzung. Weltweit sind das bis zu 170 Millionen Kubikmeter pro Jahr. In  Baucontainer geschüttet würden die, hintereinander gestellt, fast einmal um die Erde reichen.

Rinde kann unterschiedlich verwendet werden, zum Beispiel als Arznei oder Gewürz, zum Gerben, als Brenn- und Dämmmaterial oder zum Kompostieren und als Streu (Rindenmulch). Eine spezielle Rinde ist der Kork der Korkeiche und des asiatischen Amur-Korkbaums, aus dem vor allem Stopfen beziehungsweise Flaschenkorken hergestellt werden (etwa 3/4 des Korkanbaus).

Noch ein Lieblingsbaum, Foto Emily Polster

Wortgeschichte: Rinde fem., die -; äußere, den Stamm, die Äste, Wurzeln umgebende Schicht; auch Borke; ahd. rinta (8. Jh.), mhd. rinde, rinte, asächs. rinda, mnd. rinde, mnl. rinde, rende, aengl. rind(e), engl. rind und (ablautend) nhd. (elsäss.) Runge, (schweiz.) Runde, Runge `(Käse)rinde‘, mnl. runde, run(ne); Rinde, Gerber- lohe, nl. run, Gerberlohe‘ lassen sich mit mnd. rende ‚Zerbrochenes‘, aengl. rendan ‚reißen‘, engl. to rend `(in Stücke) reißen‘ verbinden und führen vielleicht mit aind. rándhram ‚Öffnung, Spalt, Höhle‘ auf ie. *rendh- *zer)reißen‘, so dass für Rinde eine Grundbedeutung `(zur Nutzung) Abgerissenes, Zerrissenes‘ angenommen werden kann.  Nach: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin 1989

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