Engländer für 2 Euro

engländerfür2euro-269-webBei Lidl gab es neulich Werkzeuge. Da war auch ein „Engländer“ darunter, für sage und schreibe 2 Euro. In Worten zwei ! Da konnte ich nicht widerstehen und habe ihn mitgenommen, ohne zu wissen, wofür ich ihn überhaupt brauche. Ich fand die Mechanik interessant und habe mich dann daran erinnert, dass mein Vater früher davon erzählt hat.

In seiner Lehre als Schlosser, die er als Junge in Chemnitz begann, müssen „Engländer“ eine gewisse Rolle gespielt haben. Er hat das jedenfalls öfter erwähnt. Wahrscheinlich auch einfach wegen des seltsamen Namens, aber wohl auch, weil dieses raffinierte Werkzeug veränderbar und ziemlich nützlich ist.

Rollgabelschlüssel, genannt Engländer", an Radiergummi fixiert

Rollgabelschlüssel mit Ratzefummel

Engländer ist die umgangssprachliche Bezeichnung für alle Arten von verstellbaren Schraubenschlüsseln, insbesondere für solche mit nur einseitig vorhandenem Maul. Wahrscheinlich heißt es so, weil das Werkzeug, das Ende des 19. Jahrhunderts in Schweden erfunden wurde, von England aus exportiert wurde. Es handelt sich um einen verstellbaren Schraubenschlüssel, bei dem die Veränderung der Schlüsselweite über eine Gewindespindel im Werkzeugschaft erfolgt. Bei den meisten heute gebräuchlichen verstellbaren Engländern erfolgt dagegen die Verstellung über ein Schneckengetriebe im Schlüsselkopf. Der Terminus technicus ist Rollgabelschlüssel. Der wird als Verstellschlüssel hauptsächlich zum Lösen und Anziehen von Schraubverbindungen verwendet.

Bei dem vorliegenden Modell ist noch der Plastikgriff beachtenswert, unter anderem wegen seiner Ausführung in Hartweichtechnik (weicher Kunststoff, hartes Metall), die seit den 80er-Jahren aufkam, wie ich in meinem 2005 erschienenen Buch über die Firma Braun ausführlich und mit kaum verhohlener Bewunderung dargestellt habe. Heute ist diese Technik allgegenwärtig, weil sie Dinge griffiger macht. Jeden Morgen nehmen wir sie in die Hand, wenn wir uns die Zähne putzen.

Zwei Euro für ein solches Werkzeug, ist das jetzt spätkoloniale, globalistische Ausbeutung, für die Minenarbeiter und Fabriksklaven irgenwo auf dieser Welt bluten müssen? Oder ist es ein Ergebnis galoppierender, im Zweifel sensorengesteuerter Rationalisierung, die die Produktionskosten gegen Null treibt. Und durch die lacht uns dann – wie etwa der Soziologe Jeremy Rifkin erklärt – ein goldenes Zeitalter (das wir schon längst abgeschrien hatten). Und zwar gar nicht in allzu ferner Zukunft, sondern praktisch schon morgen! Dann würde also bei Lidl die Revolution beginnen. Kaum zu glauben. Wir sind das Konsumvolk! Ich habe das Ding nur gekauft, weil ich es ganz hübsch und eben so unverschämt billig fand. Ein weiteres schlagendes Beispiel, dass unsere Werte vollkommen verschoben sind. An die müsste vielleicht auch mal einer mit dem fein einstellbaren Rollgabelschlüssel ran ..

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Engländer in Hartweichtechnik

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