Krautunderground 1980

Die deutsche Punkbohéme und ihre tanzbare Poesie

Die Single war die geistige Währung, ZickZack 1981

Eine gute, alte Bekannte, mit der ich mal ein paar Jahre in einer WG wohnte, hat mich neulich darauf ange- sprochen, dass es in Deutschland soetwas gibt wie eine Tradition des Avantgarderock. Experimentell, radikal, eine Art Krautunderground. Das fing so um 1970 an: Amon Düül, Tangerine Dream, Kraftwerk, Can, Ton Steine Scherben. Das sind zwar ganz unterschiedliche Bands, aber alle waschecht deutsch. Das merkte man schon daran, dass sie einen „Anspruch“ hatten, wie man damals so schön sagte. Irgendwem im Ausland fiel der Ausdruck „Krautrock“ ein. Das klang wild und war es auch. Aber so um 1980 fing dann schon wieder was ganz Anderes an. Auch dabei ging es natürlich nicht nur um Musik, sondern um alles.

Kunst mit Tankstelle

Tankstille in Ostberlin 1978. Foto bp

Ende der Siebziegerjahre, die Hippiehaare waren ab, die Mauer stand noch und neue Natoraketen sollten gerade aufgestellt werden, da wurden wie auf ein geheimes Kommando überall in „Westdeutschland“ Bands gegründet, die sich Namen gaben, die wie Anspielungen klangen. Worauf wusste meist nicht, wie das bei Poesie so ist. Die Liedtexte waren oft auch poetisch. Diese Bands hießen Abwärts , Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, Freiwillige Selbstkontrolle, Ideal, Mittagspause, Neues Deutschland, Penatencreme, S.Y.P.H. oder UKW. Einstürzende Neubauten und Palais Schaumburg nicht zu vergessen. Es waren verdammt viele. Und es waren auffällig viele Künstler darunter. Das war doch kein Zufall.

Weil die die neuen Lieder, wie immer, zuerst keine Plattenfirma haben wollte, ließen sie sie anfangs selber pressen (oder verschickten MCs). Das nennt man Underground. Ihre Plattenhüllen machten sie natürlich auch selber. Oder sie fragten einen Künstler. Ich war damals Künstler und wurde gefragt. Eine Band, für die ich eine Single entwarf, hieß Splitter, eine andere Pension Stammheim (der Name war von einem damals ziemlich berühmten Gefängnis entlehnt). Später habe ich auch Plakate für Festivals entworfen, Bands fotografiert und die Zentrale für Attraktionen (Z.F.A.) gegründet. Da gab es eine tolle Gründungsparty (mit Band natürlich). Ich wohnte damals zufällig neben den Bonner Rheinterrassen, wo all die Bands spielten. Irgendwann gab ich meinen Brotberuf auf, machte eine Ausstellung über stillgelegte Tankstellen und schrieb darüber ein Buch. Es folgten weitere Bücher, zum Beispiel eins über das älteste deutsche Gefängnis und dann über wilde Tänze und die dazugehörige Musik. Wo das alles hinführen sollte, war mir piepegal.

Schreiende Muster

Die beiden Länder, in denen sich dieser Piepegalismus, auch Postmoderne genannt, damals schrecklich austobte, waren Italien und Deutschland. Die haben ja eigentlich gar nicht so viele Gemeinsamkeiten (und sind durch die Alpen auch geografisch und klimatisch scharf getrennt). Aber eine Gemeinsamkeit haben sie ganz gewiß: Es waren beides Hochburgen des Faschismus. Und da, wo Faschismus so richtig zuschlug, wo er die Moderne, mit der er nebenbei auch noch heftig flirtete, dann doch unterdrückte, genau da, wo diese völlig verkorkste Beziehung lief, da wurden die Drehknöpfe der Moderne, als der Duce und der Führer dann ja irgendwann weg waren, besonders stark wieder aufgedreht. Nun wollte einer moderner sein als der andere.

Piepegal aus Prinzip (1981)

In Wahrheit kam es in beiden Ländern nach dem hochnotpeinlichen faschistischen Intermezzo zu einem schweren pathologischen Syndrom. Das wollte man natürlich nicht wahrhaben. Also wurde alles, was darauf hindeutete, verdrängt und mit dem Hinweis niedergequatscht, wie modern man sei. Für die Umgebung ist das auf die Dauer kaum zu ertragen, piepegal in welcher Sprache. Aus diesen schweren Traumata entstand dann als Meuterei gegen den Hypermodernismus praktisch automatisch das „postmoderne Design“. Es begann 1981 in Form eines Möbelsortiments, das eine Gruppe namens „Memphis“ auf der Messe in Mailand vorstellte. Junge, Junge, was sich die Italiener da mal wieder trauten. Die ganze Welt staunte pink und lila getupfte Bauklötze. Reinster Piepegalismus. Es war geschafft: Las Vegas war im Wohnzimmer angekommen. Alle fanden das super, genau wie die Hits von Boney M. und Donna Summer: Es war die Zeit des Discodesigns und der neuen Schwulenszene. Deren Partyhauptquartier war das Metropol in Berlin.

Im Takt der Punkbohéme

Das war aber noch nicht alles: Die Deutschen fehlten ja noch. Diese waren neidisch auf das Draufgängertum in Italien, wo sie jeden Sommer hinfuhren, auf den Dorffesten der KPI Rotwein becherten und wilde Lieder grölten. Um hinterher zuhause ihrer Lieblingsbeschäftigung noch intensiver nachgehen zu können: sich selbst zu hassen. Außerdem waren sie neidisch, weil die Italiener ihr Handwerk verstanden. Sie selbst hatten in ihrem Studium dagegen nix Richtiges gelernt und machten daraus jetzt eine Philosophie. So entstand das Neue Deutsche Design, kurz NDD. Das war einmalig, ziemlich schrill und (aus Prinzip) weitgehend nutzlos.

LPs gab es natürlich auch, ZickZack 1981

Es gab in Deutschland aber eben noch etwas, was weder die Italiener noch andere hatten. Das war das, was schon wenig später den Stempel Neue Deutsche Welle verpasst bekam, abgeleitet vom englischen New Wave und abgekürzt NDW. Die schon erwähnten Bands mit den poetischen Namen. Eben diese rotzige Elektromusik zwischen Punk und Pop, die legendäre Boxkämpfe mit der deutschen Sprache austrug und mit Gewissheiten Pogo tanzte. NDD und NDW, diese Vorliebe für offiziell klingende Kürzel war natürlich auch ironisch. So als wäre es eine Partei oder ein Institut. Dabei ging es vor allem darum, eine andere Sicht der Dinge und ein Lebensgefühl zu intonieren. Nie hatten der Aufbruchs- und Verzweiflungpegel gleichzeitig so stark ausgeschlagen. Mancher Radioredakteur konnte das schwer ertragen. Nur John Peel auf BFBS, der dereinst schon den Kraftausdruck „Krautrock“ geprägt haben soll, spielte das Zeug spätdonnertagsabends rauf und runter.

.. und Mi-LPs, 5.Gangart 1982, Entwurf bp

Die Punkbohémiens sahen nicht nur wildentschlossen aus, sondern sangen auch so. Sie benutzten nicht nur die deutsche Sprache, sie nutzten sie. Oft ironisch (siehe oben). Dass das Deutsche mit seinem typischen Knacklaut („Abwärts“) einen natürlichen Rhythmus und viele kantige Konsonanten hat, wurde auch nicht mehr ignoriert, aber auch meist nicht banalisiert. Dann natürlich das Kompositum („Zickzack“, „Weltenende“, „Wirtschaftswunder“), einer der großen Trümpfe dieser Sprache. Der Merkreim („Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“), wie wir ihn nicht zuletzt aus Kinderliedern, Schlagern und aus der Werbung kennen, kamen genauso wieder zu Ehre wie der starke Hang zum Absurden, eine andere starke deutsche Tradition, die bald zum Hit wurde (Da, da, da). Als DAF (noch so eine Abkürzung, die übrigens nicht Deutsche Arbeitsfront bedeutete) zum Hitlertanz aufforderten, war das auch reichlich absurd. Eine rücksichtslosere Sprach- und Tonmontierlust hatte es seit Hugo Ball nicht mehr gegeben. Natürlich war Blödsinn unvermeidlich. Aber die Deutschen konnten für einen Moment wieder ihre eigene Zunge lieben. Es soll manchen heißen Zungenkuss gegeben haben.

Dafür blieben viele über Jahre hinweg nächtelang auf den Beinen. Und diese Ausdauer trug Früchte. Die Welle brachte eine von Neonröhren beleuchtete Bohéme hervor mit allem Drum und Dran. Und zwar, kaum zu glauben, nicht nur in Berlin und Hamburg, sondern auch in Dörfern wie Hannover, Kassel oder eben sogar in Bonn. Partyhauptquartiere waren der Ratinger Hof in Düsseldorf, das SO 36 in Kreuzberg, die Rheinterassen in Grau-Rheindorf und andere.  Dauernd gab es irgendwo ein Konzert. Da gingen nun auch die Designer hin, die Künstler ja sowieso (und manchmal waren es eben auch dieselben), quatschten miteinander und kamen so richtig gut drauf. Und alle fanden das super, genau wie die Hits von Clash und den Einstürzenden Neubauten: Das war die Zeit des Punkdesigns. Das wurde dann zur Kunst erklärt. Auf der berühmten documenta. Es war die achte. Sowas Schräges gab es eben nur in West Germany. Irgendwann kam die NDW ins Fernsehen. Da klang die Abkürzung aber schon wie eine Automarke.         bp

 

Und hier das Lied zum Hitler-Tanz, das aber vorsichtshalber anders hieß:

Mussolini

Geh in die Knie,
und klatsch in die Hände
beweg deine Hüften
und tanz den Mussolini

Tanz den Mussolini
Tanz den Mussolini

Dreh dich nach rechts
und klatsch in die Hande
und mach den Adolf Hitler
tanz den Adolf Hitler
tanz den Adolf Hitler
tanz den Adolf Hitler

Und jetzt den Mussolini
Beweg deinen Hintern
Beweg deinen Hintern
und klatsch in die Hände
tanz den Jesus Christus
tanz den Jesus Christus
und tanz den Jesus Christus

Geh in die Knie
und dreh dich nach rechts
und dreh dich nach links
klatsch in die Hände
und tanz den Adolf Hitler
und tanz den Mussolini
und jetzt den Jesus Christus
und jetzt den Jesus Christus
klatsch in die Hände
und tanz den Kommunismus
und jetzt den Mussolini
und jetzt nach rechts
und jetzt nach links
und tanz den Adolf Hitler
tanz den Adolf Hitler
und jetzt den Mussolini
und jetzt den Mussolini
tanz den Jesus Christus
beweg deinen Hintern
und wackel mit den Hüften
klatsch in die Hände
und tanz den Jesus Christus
und tanz den Jesus Christus
und jetzt den Mussolini
und jetzt den Adolf Hitler
Gib mir deine Hand
gib mir deine Hand
und tanz den Mussolini
tanz den Kommunismus
tanz den Kommunismus
und jetzt den Mussolini
und jetzt den Adolf Hitler
und jetzt den Adolf Hitler
und jetzt den Jesus Christus
und jetzt den Mussolini
und jetzt den Kommunismus
und jetzt den Adolf Hitler
und jetzt den Mussolini
und jetzt den Mussolini
tanz mit mir den Hitler
tanz mit mir den Hitler
und geh in die Knie
beweg deine Hüften
klatsch in die Hände
und tanz den Jesus Christus
tanz den Jesus Christus

Verschwitzter Tänzer. LP: Alles ist gut, Virgin 1981

 Näheres zum Piepegalismus im Design findet sich in meinem Buch: Und kann man darauf auch sitzen? Wie Design funktioniert, Köln 2011


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