Ein Radio ist ein Radio, ist ein Radio

Alleskönner ICF-SW55: Weltempfänger von Sony

Der "Weltempfänger" wurde von Sony aufs richtige Format gebracht

Um 1990 kaufte ich mir einen Sony-Weltempfänger ICF-SW55, der allen Schickschnack hatte, den man sich damals vorstellen konnte und einen so guten Klang, dass er bis heute auf dem Schreibtisch steht. Reisen mit zigtausenden Kilometern hat er auch überlebt, obwohl es mit den hunderten von vorprogrammierbaren Sendern in allen Erdteilen dann doch etwas übertrieben war (derselbe Quatsch wie heute beim Internetradio), auch für den Sony-Programmierer, sodass es ab und an schon Fehlfunktionen gab. Dafür sieht der Apparat aus, als sei es für den Dschungelkrieg konzipiert. Und ich hab mich wohl damit auch ein bisschen wie David Livingstone gefühlt.

Das markant-graue Ding hat rechts oben übrigens eine äußerst leichtgängige Scheibe für die Sendersuche, die verdammt an das geniale Rad am i-Pod erinnert (und übrigens selbst Vorgänger bei Braun Hifi-Anlagen hat). Das ist überhaupt unfair, dass heutzutage immer auf den Zusammenhang zwischen Apple und Braun hingewiesen wird, aber dass Sony Braun viel eher, ausdauernder und teilweise origineller kopiert hat, wird einfach verschwiegen. Oder vielleicht weiß es einfach keiner. Also eins steht fest: Der bessere Weltempfänger kam von Sony (und Apple hat ja gar keinen).

Weltempfänger Nummer. 1

Dazu fällt mir noch eine Geschichte ein. Als Erwin Braun, der Spiritus rector des „Braun Designs“ dazu keine Lust mehr hatte und die Firma einfach an einen amerikanischen Rasierklingenkonzern verkaufte, musste er natürlich in die USA. Hinterher hat er sich aber auch mit dem Máximo Líder in Havanna getroffen (natürlich ohne den Amis ein Wörtchen davon zu sagen). Fidel Castro hatte immer Bedarf an Kaffeemühlen und brauchte neuerdings auch ein paar hundert stabile Tonbandgeräte für seine Stasi (die mit fachlich-deutscher Unterstützung gerade modernisiert wurde), hatte aber keine Devisen. Weil die beiden aber gleich einen guten Draht hatten, fuhr Fidel mit dem Deutschen nach den Geschäftsgesprächen in den Social Club im Viertel Buena Vista. Und weil sie gerade so gut drauf waren, empfahl er ihn auch noch an seinen Freund Che weiter, der sich gerade als  Befreiungskämpfer im bolivianischen Busch aufhielt. Der brauchte unbedingt einen dieser neuen „Weltempfänger“ T 1000, um täglich Radio America abhören zu können. Das Kurzwellenradio hat er natürlich bekommen, hat sich aber – obwohl Erwin Braun auch noch einen brandneuen Rasierer Sixtant BN (mit Langhaarbartschneider!) beigelegt hatte – hinterher bitter beschwert. Das Gerät, meinte er, sei revolutionstechnisch völlig untauglich. Che wusste vorher nicht, dass der Kasten über acht Kilo wog, und war nach ein paar Tagen Schlepperei durch die Anden vollkommen fertig. Dann haben sie ihn ja auch bald gekriegt. Vielleicht wäre ja die tragische Geschichte der lateinamerikanischen Revolutionen, wenn er zum Beispiel ein Sony-Gerät dabei gehabt hätte, völlig anders verlaufen.

Weitere, teilweise ergreifende Erkenntnisse zu diesem spannenden Themenkomplex werden demnächst auf formweh und in einem brandneuen Buch veröffentlicht. Titel: Kann man darauf auch sitzen? Wie Design funktioniert (250 Seiten, etwa 50 Abbildungen). Das Werk erscheint voraussichtlich in diesem (oder im nächsten) Monat im Dumont- Buchverlag und kostet nicht mal 15 Euro. Verwiesen sei außerdem auf das informative Buch: Braun 50 Jahre Produktinnovationen, das 2005 erschien (englische Ausgabe 2009) und in dem selbstverständlich auch ein ausführliches Porträt des T1000 enthalten ist.

Kurze Typengeschichte des Radios in Deutschland:

20er-Jahre: Das Radio zum Eigenbau verbreitet sich. Fertige Radios sind noch sehr teuer.

30er-Jahre: Der einfache, massenproduzierte „Volksempfänger“ zieht als Propagandainstrument in die Wohnungen ein.

Radiomöbel für alle

50er-Jahre: Das „Radiomöbel“, als Tischgerät oder „Truhe“, und das tragbare „Kofferradio“ werden populär. Sachliche Radioschachteln und „Weltempfänger“ von Braun entsprechen der „guten Form“.

60er-Jahre: Der „Tuner“ (oder der „Receiver“) ist fester Bestandteil der Stereoanlage, aber kein Statussymbol wie etwa der Plattenspieler. Marken wie Wega und Brionvega bringen neue Formen, die aber Nischenprodukte bleiben.

80er-Jahre: Der Radiowecker erobert das Schlafzimmer. Sony minimiert und optimiert das „Kofferradio“ zum kompakten „Weltempfänger“ – der „Walkman“ ist dagegen kein Radio. Aber der Ghettoblaster, der bald im Kinderzimmer Einzug hält.

nach 2000: Eine Weile scheint als es, als würde das Radio als eigenständiger Typus verschwinden und nur mehr als Untermieter in „Minianlagen“, MP3-Playern und Handys weiterleben. Das Digitalradio führt zum Revival – nicht zuletzt in der Küche und anderen Nebenräumen.

bp

12 Kommentare zu “Ein Radio ist ein Radio, ist ein Radio”


  • Useful blog website, keep me personally through searching it, I am seriously interested to find out another recommendation of it.

  • Thanks for an idea, you sparked at thought from a angle I hadn’t given thoguht to yet. Now lets see if I can do something with it.

  • Hi there, I found your blog via Google while searching for a related topic, your site came up, it looks good.

  • Extremely superior content. We basically discovered your web page and desired to express that We have extremely liked looking through your blog and threads. Anyways I’ll be following your feed and I hope to study your blog again.

  • Extremely great content. I actually basically became aware of the blog page and also desired to be able to mention in which I’ve definitely liked looking through the blog page and also blogposts. Nonetheless I’ll become following the nourish and also My partner and i expect to be able to browse the blog page all over again.

  • Very decent write-up. We really located your current site along with needed for you to state that will We have truly loved browsing your current web log along with articles. However I’ll always be checking your current supply along with My spouse and i desire for you to read through your current web log yet again.

  • It’s a fabulous pity you actually don’t enjoy a contribute link! I’d most definitely contribute to that exceptional blog site! Document presume at this point i’ll happy with book-marking and additionally placing any Rss to make sure you great Google and bing membership. Document check forwards to make sure you new improvements all of which publish this approach site by means of great Youtube crew:

  • great post.Never knew this, thanks for letting me know. ginecologie

  • I am incessantly thought about this, thankyou for putting up. best web designs

  • Wonderful goods from you, man. Ein Radio ist ein Radio, ist ein Radio formweh I’ve understand your stuff previous to and you’re just too magnificent. I really like what you’ve acquired here, really like what you are saying and the way in which you say it. You make it entertaining and you still care for to keep it wise. I can not wait to read much more from you. This is really a great Ein Radio ist ein Radio, ist ein Radio formweh informations.

  • pure d.i.y. (with a little help from my friends)

  • Thank you for another magnificent article. The place else could anyone get that kind of info in such an ideal manner of writing? I’ve a presentation next week, and I’m at the search for such info.

Einen Kommentar schreiben