Schelmenfreude

In dieser Luxuswohnung aus der Kaiserzeit wohnte der Funktionalist Gropius 1928 bis 1934

Eine Rezension der Gropius-Biografie vom 26. März: „Besser gleich zugeben, dass ich der Heldengeschichte von Walter Gropius ebenfalls erlegen bin, als ich auf der Suche nach Bauhausspuren durch Weimar stolperte, meine Nase in Bauhausbücher steckte und Bauhausdokumentationen ansah. Die kritischen Stimmen zur Leistung von Walter Gropius nahm ich kaum zur Kenntnis, kamen sie doch allzu fragmentarisch und ungeordnet daher. Was ich trotzdem ahnte, hat sich nach der Lektüre von diesem Buch jedoch zur Gewissheit verdichtet. Walter Gropius war ein Meister der Selbstdarstellung, der auf seinem Weg nach oben konsequent an Gedächtnisschwund litt, wenn es um die Würdigung von Menschen ging, ohne die er wahrscheinlich ein erfolgloser Architekt geblieben wäre.
„Schelmenroman“ nennt der Klappentexter, Bernd Polsters Biografie. Ob direkt Betroffene dies ebenfalls so sehen würden, wage ich zu bezweifeln. Denn wer von Gropius fallengelassen oder sogar entwertet wurde, empfand das Gebaren und die Hochstapeleien dieses Parvenüs sicher anders. Doch das von Bernd Polster ausgewertete Quellenmaterial auf einer oft humorigen Ebene neu zu interpretieren, ist ja gerade das Außergewöhnliche an seinem Buch. Und weil dieses Konzept nur funktioniert, wenn es von einem Fabulierkünstler wie Polster angewandt wird, ist die Lektüre nicht nur erhellend, sondern auch unterhaltsam.

Gropius, der Husar, in Ausgehuniform Zeichnung Bernd Polster

Wie bildreich Polsters Sprache ist, soll folgendes Beispiel illustrieren: „Gropius steckte in der Patsche. Der Krieg war unerwartet gefährlich geworden, und kaum verheiratet, drohte bereits ein heftiger Rosenkrieg. Genau in diesem Moment müssen irgendwo hinter einer schneeweißen Wolke wieder einmal ein paar dieser irrlichternden Feen die Köpfe zusammengesteckt haben, um zu beschließen, sofort etwas für den Ärmsten zu tun. Denn für das, was nun passierte, gibt es keine rationale Erklärung. Da es aber auf unserer Erde immer und für alles eine Erklärung geben muss, einigten sich die findigen Zauberwesen darauf, für das, was jetzt passierte, einfach den Klüngel verantwortlich zu machen. Damit war alles wieder klar. Denn mit dem Klüngel kannte sich Gropius bestens aus.“ Ein durchschnittlicher Biograf hätte einfach geschrieben, dass Gropius zufälligerweise ein guter Kontakt weiterhalf.
Bernd Polster kann schreiben, Metaphern erfinden, Rhythmen wechseln, ironische Töne anschlagen und Langeweile verhindern. Aber er versteht auch viel von bildender Kunst, Architektur, Fotografie und Design. Von Polsters geradezu ausuferndem Interessehorizont profitieren auch die Leser dieser Biografie. Denn wie ihnen Polster die chaotischen Beziehungsmuster von Gropius vorstellt, ist trotz gelegentlich flapsigen Untertönen große Klasse. Zumal er sich nicht als Moralist aufspielt, der sich das Recht herausnimmt, Verhaltensweisen von damals aus heutiger Sicht zu beurteilen.
Es ist durchaus nachvollziehbar, das man während der Lektüre immer wieder auf Worte der Bewunderung stößt. Denn ohne abgeschlossenes Architekturstudium, nennenswerte eigene Bauten und zeichnerisches Talent eine Professur für Architektur an der Harvard University zu ergattern und zu einer Ikone der Moderne zu werden, muss man erst mal schaffen. Walter Gropius hatte Charisma, beherrschte die Kunst des Weglassens und Vergessens, nutzte die besonderen Umstände der Nachkriegsjahre und bediente sich der Heiligenscheine anderer Menschen. Daher trifft „Schelm“ sein Wesen wohl besser als der plumpe Begriff „Hochstapler“.
Mein Fazit: Diese Biografie hat mein Bild von Walter Gropius verändert und Verhaltensweisen von Emporkömmlingen sichtbar gemacht, die überzeitlich sind. Und weil der Schreibstil von Bernd Polster überaus unterhaltsam ist, lässt man sich als Leser auch gerne auf kulturhistorische und politische Exkurse ein. Kurz: Selbst wer sich selten mit Architektur und Design beschäftigt, wird an der Lektüre dieses „Schelmenromans“ seine Freude haben.“

Dr. Werner T. Fuchs

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