{"id":929,"date":"2010-03-06T22:58:28","date_gmt":"2010-03-06T21:58:28","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=929"},"modified":"2012-02-16T19:11:51","modified_gmt":"2012-02-16T18:11:51","slug":"the-art-of-titleling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=929","title":{"rendered":"The Art of Titleling"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_941\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/103_4Lg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-941\" class=\"size-thumbnail wp-image-941\" title=\"103_4Lg\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/103_4Lg-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-941\" class=\"wp-caption-text\">Plattenspieler P1 von 1959: So lernte Dieter Rams Englisch (Foto Design Museum London)<\/p><\/div>\n<p>Es ist schon eine liebe Gewohnheit: Ausstellungen, auch wenn sie keinen Bezug zu Amerika oder Gro\u00dfbritannien haben, bekommen einen englischen Titel verpasst. Bang! Just like that. Drei aktuelle Beispiele f\u00fcr solchen offensichtlichen Unsinn sind <a href=\"http:\/\/www.formguide.de\/designkalender\/ausstellungen\/neurath-maer2010\/\"><em>Gypsy Urbanism<\/em><\/a> (\u00fcber den Wiener Volksaufkl\u00e4rer Otto Neurath), <a href=\"http:\/\/www.formguide.de\/ausstellungen\/kalender\/less-and-more-mai2010\/\"> <em>less and more &#8211; Das Design Ethos von Dieter Rams<\/em><\/a> (Deutschlands Vorzeigedesigner wohnte zeitlebens in Hessen) und <a href=\"http:\/\/www.formguide.de\/ausstellungen\/kalender\/bestof-dutch-design-maerz2010\/\"><em>The Best of Dutch Design<\/em><\/a> (eine Auswahl niederl\u00e4ndischer Produkte, die in Essen gezeigt wird). Was treibt gerade die Museen in eine kollektive <a href=\"http:\/\/www.formweh.de\/?p=704\">Sprachflucht<\/a>?<!--more--><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben mir aufgekl\u00e4rte Mitmenschen klar gemacht, dass es sich bei dieser neumodischen Namensgebungspraxis eben um Marketing handelt. Soll hei\u00dfen: Ein englischer Titel peppt sogar eine langweilige deutsche Ausstellung noch auf.\u00a0 Warum soll, was bei Hollywoodfilmen, St\u00fchlen und Damenbinden funktioniert, nicht auch f\u00fcr Designausstellungen gut sein?<\/p>\n<p>Da wir die tieferen Gr\u00fcnde f\u00fcr den chronischen Hang der Deutschen im allgemeinen und der Designausstellungsmacher im besonderen zum \u00fcberfl\u00fcssigen Anglizismus hier nicht aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen, seien zumindest ein paar sprachkritische Anmerkungen erlaubt. Dass <a href=\"http:\/\/www.formweh.de\/?p=704\"><em>Gypsy Urbanism<\/em><\/a> der Titel einer amerikanischen Dissertation ist, darauf ist hingewiesen worden. Die \u00dcbernahme, die wohl Internationalit\u00e4t suggerieren soll, zeigt jedoch eher ein erschreckendes Defizit an Selbstbewusstsein. Hinzu kommt, dass &#8222;Zigeunersiedler&#8220;, wie es damals im Wiener Volksmund hie\u00df und worauf der amerikanische Titel anspielt, nat\u00fcrlich nicht pc ist. Es h\u00e4tten sich aber reichlich andere starke zeitgen\u00f6ssische Wortsch\u00f6pfungen angeboten, klingende Begriffe wie etwa &#8222;Brettld\u00f6rfer&#8220; oder &#8222;Isotypen&#8220;.<\/p>\n<p>Was Dieter Rams betrifft: Die Ausstellung &#8222;less and more&#8220; lief unter diesem Titel gerade im Londoner Design Museum. Den Haupttitel haben die Frankfurter englisch belassen, den Untertitel \u00fcbersetzt. Wobei man sich &#8211; als kleine anglizistische Zugabe &#8211; beim Design-Ethos den deutschen Bindestrich gespart hat. &#8222;less and more&#8220; ist nat\u00fcrlich eine Anspielung auf den ber\u00fchmten Ausspruch &#8222;weniger ist mehr&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.formguide.de\/designer\/uebersicht\/ludwig-mies-van-der-rohe\/portraet\/1\/\">Ludwig Mies van der Rohe<\/a>, mit dem dieser in den 20er Jahren sein minimalistisches Credo aphoristisch zuspitzte. In den USA wurde der Einwanderer Mies dann sp\u00e4ter eins-zu-eins mit &#8222;less is more&#8220; \u00fcbersetzt. Dies wurde zum erfolgreichen Slogan (\u00e4hnlich Louis Sullivans &#8222;form follows function&#8220;). In den postmodernen 80er Jahren kursierte dann aber auch die persiflierende Variante &#8222;less is bore&#8220;. Die Londoner Formulierung &#8222;less and more&#8220; ist\u00a0 im Vergleich dazu schlapp und bringt keinen \u00fcber das Originalzitat hinausreichenden Erkenntnisgewinn.\u00a0 Ihr Sinn liegt offenbar vor allem darin, eine Parallele zwischen Mies und Rams zu ziehen. In der Entscheidung der Frankfurter, den Titel englisch zu belassen, vermag ich keine Logik zu erkennen. Es sei denn, man w\u00fcrde die schlichte Tatsache, dass eine Rams-Ausstellung in London stattfand, als Begr\u00fcndung akzeptieren. Vielleicht w\u00e4re ja auch bei einer R\u00fcck\u00fcbersetzung zu &#8222;weniger und mehr&#8220; die Banalit\u00e4t zu sehr ins Auge gefallen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Beziehung von Dieter Rams zur englischen Sprache ist wenig bekannt. In einem Interview hat er mir einmal folgende Geschichte erz\u00e4hlt: Als seine Rolle bei Braun Ende der 50er Jahre prominenter wurde und sich internationale Kontakte ergaben, sah er Nachholbedarf im Englischen. Dies sei ein wichtiges Motiv gewesen, den tragbaren Plattenspieler P1 zu entwickeln (der dann mit dem Transistorradio T41 kombiniert wurde). Er konnte das Ger\u00e4t mit auf Reisen nehmen und darauf auch unterwegs die Sprachkurse abspielen, die damals in der Regel auf 45er-Single-Schallplatten angeboten wurden.<\/p>\n<p><!-- \t\t@page { margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } -->Zum Schluss noch <em>The Best of Dutch Design<\/em>. Unsere holl\u00e4ndischen Nachbarn -bekannt als r\u00fcckhaltlose Freunde des Anglizierens &#8211; nennen ihren nationalen Designpreis tats\u00e4chlich Dutch Design Award. Andere L\u00e4nder, gleiche Sitten. Da konnten sich die Essener Gesinnungsfreunde nat\u00fcrlich nicht zur\u00fcckhalten und haben gleich, wie sie es gewohnt sind, noch ein &#8222;Best of&#8220; drangeklebt, so als w\u00e4re es eine CD mit ausgew\u00e4hlten und allseits bekannten Hits. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt. Was sich anh\u00f6rt wie eine kuratierte Ausstellung ist\u00a0 eben nur der Schnappschuss pr\u00e4mierter neuer Produkte, die sich allesamt erst noch durchsetzen m\u00fcssen. Etikettenschwindel hin und her. Sonst w\u00e4re wahrscheinlich \u00fcberhaupt keiner hingegangen .. bp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon eine liebe Gewohnheit: Ausstellungen, auch wenn sie keinen Bezug zu Amerika oder Gro\u00dfbritannien haben, bekommen einen englischen Titel verpasst. Bang! Just like that. 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