{"id":704,"date":"2010-02-18T20:25:16","date_gmt":"2010-02-18T19:25:16","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=704"},"modified":"2012-02-16T19:12:35","modified_gmt":"2012-02-16T18:12:35","slug":"war-otto-neurath-ein-englischer-roma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=704","title":{"rendered":"War Otto Neurath ein englischer Roma?"},"content":{"rendered":"<p><div id=\"attachment_904\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/3-Bildstatistisches-Elementarwerk-b-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-904\" class=\"size-thumbnail wp-image-904\" title=\"[3]-Bildstatistisches-Elementarwerk-b-web\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/3-Bildstatistisches-Elementarwerk-b-web-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-904\" class=\"wp-caption-text\">Wirtschaftsformen der Erde: Bildstatistik von Otto Neurath (1930)<\/p><\/div>Das Museum f\u00fcr Angewandte Kunst in Wien schickt mir Presseinformationen zu einer <a href=\"http:\/\/www.formguide.de\/designkalender\/ausstellungen\/neurath\/\">Ausstellung<\/a> \u00fcber den Wiener Sozialisten, Universalgelehrten und Pionier der visuellen Kommunikation\u00a0 Otto Neurath. Warum der Titel der Ausstellung <em>Gypsy Urbanism<\/em> lautet, wird dem unbedarften Leser nicht deutlich. War Neurath etwa ein englischer Roma? Des R\u00e4tsels L\u00f6sung: Die Ausstellung geht auf eine amerikanische Dissertation zur\u00fcck, deren aus dem Deutschen \u00fcbersetzten Titel\u00a0 man \u00fcbernahm, eine Rolle r\u00fcckw\u00e4rts, mit der ein spannendes Projekt unn\u00f6tigerweise in den Ruch modischen Sprachfremdelns ger\u00e4t.<!--more--><\/p>\n<p>In einer anderen Presseinfo &#8211; dem &#8222;Newsletter&#8220; der Stuttgarter Designer Jehs + Laub f\u00fcr diesen Monat &#8211; wird deren neues Sofa <em>Jalis<\/em> vorgestellt, das sie f\u00fcr die Firma COR im ostwestf\u00e4lischen Rheda-Wiedenbr\u00fcck entworfen haben. Obwohl alle Beteiligten an dieser Dreieckskommunikation unzweifelhaft Deutsche sind, ist der Text\u00a0 komplett englisch (&#8222;Talis for COR&#8220;). Ein Irrtum? Oder wissen die h\u00f6flichen Schwaben, dass meine Frau aus S\u00fcdwestengland stammt? Hier zeigt sich wohl eher jene anscheinend weiter zunehmende Tendenz zu deplaziertem Anglizismus, die, ob in Wissenschaft, Kultur oder Wirtschaft, l\u00e4ngst zum \u00f6ffentlichen \u00c4rgernis geworden ist. Was mich daran\u00a0 interessiert, sind die Motive der massenhaften Sprachemigration, aber auch deren Folgen.<\/p>\n<p>Was die Gr\u00fcnde angeht, steht sicherlich h\u00e4ufig ein falsch verstandener, oberfl\u00e4chlicher Globalismus dahinter, nur allzu oft sinnlos und verbunden mit purer Angeberei. Wie fr\u00fcher das Latein auf der Kanzel oder das Franz\u00f6sisch der Adligen wird die neue dominante Globalhochsprache eingesetzt, um die Majorit\u00e4t, die sie unzul\u00e4nglich oder gar nicht beherrscht und deshalb vor ihr Angst hat, zu beeindrucken und zu lenken.\u00a0 Dass Sprache ein Herrschaftsinstrument ist, d\u00fcrfte allgemein bekannt sein. Mancheiner geht aber auch einfach nur mit der Mode, weil Englisch eben als chic gilt, man mit Speck M\u00e4use f\u00e4ngt oder weil es einfach opportun erscheint, auf dem anglizistischen Trittbrett mitzufahren. So greift etwa unter Museumskuratoren die Unsitte um sich, Ausstellungen ohne jeden Bezug auf deren Inhalt einen englischen Titel zu geben. Die eingangs genannte\u00a0 der Neurath-Ausstellung ist ein solch absurdes Beispiel. Andere, besonders l\u00e4cherliches Beispiele, die regelm\u00e4\u00dfig ein in Kommunikationsgau enden, sind in Englisch abgefasste wissenschaftliche Traktate deutscher Wissenschaftler, die dieser Sprache offensichtlich gar nicht m\u00e4chtig sind.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr die Benutzung von Anglizismen liegt also h\u00e4ufig gerade nicht in kommunikativen, sondern in sprachfremden Zwecken. Zu den Folgen z\u00e4hlt eine entleerte, phrasenhafte Kommunikation, die nicht selten l\u00e4cherlich ist und sich h\u00e4ufig mit unpassenden Sprachfedern schm\u00fcckt.\u00a0 Weitere Hinweise zu diesen Ausw\u00fcchsen gibt ein Aufsatz des Sprachwissenschaftlers J\u00fcrgen Trabant, der am 15. Dezember in der S\u00fcddeutschen Zeitung erschien. Unter der \u00dcberschrift &#8222;Die Sprachfl\u00fcchter&#8220; prophezeit der Professor dort nicht weniger als das Absinken des Deutschen zur Zweitrangigkeit im eigenen Land, w\u00e4hrend die Elite ihren Nachwuchs mehr und mehr auf Schulen schicke, auf denen &#8222;die neue Hochsprache&#8220; Englisch ist. &#8222;Hoch-Deutsch ist dieser Elternschaft keine wertvolle Bildungssprache mehr, in der die kulturelle Entfaltung ihrer Kinder erfolgen soll&#8220;, malt Trabant den anglo-amerikanischen Sprachteufel an die Wand. Dabei sei dies eben keineswegs ein internationales Ph\u00e4nomen, sondern viel mehr typisch deutsch.<\/p>\n<p>Als jemand der seit einigen Jahren auf dem Webportal <a href=\"http:\/\/www.formguide.de\">formguide<\/a> \u00fcber Design aus Deutschland informiert, ist mir das gest\u00f6rte Verh\u00e4ltnis zum eigenen Standort, zur eigenen Geschichte und zur eigenen Sprache gewiss nicht fremd. Daran \u00e4ndert auch eine lustige Fu\u00dfball-WM wenig. \u00dcber unsere fortschreitende Amerikanisierung &#8211; denn darum handelt es sich ja im wesentlichen &#8211; habe ich Mitte der neunziger Jahre das Buch <a href=\"http:\/\/www.normalbuch.de\/titel\/uebersicht\/westwind\/\">Westwind<\/a> herausgebracht, in dem auch ein kleines Lexikon der Amerikanismen (Seite 148ff) einen Eindruck davon gibt, wie die verschiedenen Sprachwellen im 20. Jahrhundert die Neuw\u00f6rter ins Deutsche gesp\u00fclt haben und es nat\u00fcrlich dadurch auch ungemein bereicherten. Wie komplex die Infiltrierung ist, daf\u00fcr steht nicht zuletzt das Wort Design, das sich hierzulande vor zwei, drei Jahrzehnten einb\u00fcrgerte und das auch ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist, wie sich das importierte Fremdwort im neuen Kontext der Gastsprache ver\u00e4ndert. Auf die ziemlich schr\u00e4ge Biografie des Wortes Design im Deutschen und dessen T\u00fccken werde ich demn\u00e4chst auf formweh noch n\u00e4her eingehen. Ein Trugschluss besteht eben schon in der stillschweigenden Annahme, das Wort habe, weil es im Englischen und Deutschen dasselbe ist, auch die selbe Bedeutung. Nat\u00fcrlich ein Irrtum, der unausgesprochen bleibt. Allein durch die l\u00e4ngere Geschichte &#8211; als Lehnwort aus dem Franz\u00f6sischen &#8211; hat Design im Englischen eine viel weitere Bedeutung (hier steht es zum Beispiel auch f\u00fcr Idee oder f\u00fcr Konstruktion). Dagegen meint Design im Deutschen, wo es erst in den Achtzigerjahren in die Allgemeinsprache gelangte, ausschlie\u00dflich die Produkt\u00e4sthetik und deren Gestaltung.<\/p>\n<p>Was mir jetzt am Herzen liegt, ist die Warnung vorden kommunikativen Fallen durch gedankenlose Deutschvermeidung, wie sie auch in den eingangs erw\u00e4hnten Beispielen zum Ausdruck kommt. Der dadurch vermeintlich eingehandelte Vorteil, n\u00e4mlich global kompatibel zu sein, wird durch Identit\u00e4tsverlust erkauft. Einmal davon abgesehen, was es hei\u00dft, das Potential, das in der deutschen Sprache steckt, einfach zu verschenken und in der einzigen Sprache, in der man Virtuosit\u00e4t erreichen kann, diese gar nicht mehr anzustreben. H\u00e4tte die Ausstellung \u00fcber den Intellektuellen und Sprachtheoretiker Otto Neurath nicht auch einen z\u00fcndenden Titel in der Sprache verdient, in der er selber zu Hause war und wahrscheinlich an die 95% der Ausstellungsbesucher?<\/p>\n<p>Wer die eigene Sprache geringsch\u00e4tzt, ist nicht nur ignorant, sondern gibt den Anspruch auf, innovative kulturelle Impulse zu setzen. Denn die wachsen in aller Regel auf einem (sub-)kulturellen N\u00e4hrboden, der sich in g\u00fcnstigen historischen Situationen in der Gesellschaft entwickelt und der nat\u00fcrlich sprachlich vermittelt ist, im besten Fall mit Witz und Sch\u00e4rfe. Beispiele, wo genau dies gelang, sind die &#8222;Neue Sachlichkeit&#8220; der zwanziger Jahre und das &#8222;Neue Deutsche Design&#8220; der achtziger Jahre, Bewegungen, deren Namen origin\u00e4r sind, die (sic!) ins Englische \u00fcbersetzt werden und die sich auf verschiedenen kulturellen Feldern positiv niederschlugen, etwa auch in der popul\u00e4ren Musik. Im Englischen werden wir dagegen immer die Langsamen, die Langweiligen und oft auch die Peinlichen sein. Selbst wenn wir nicht radebrechen wie ein Herr Oettinger in Br\u00fcssel .. bp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Museum f\u00fcr Angewandte Kunst in Wien schickt mir Presseinformationen zu einer Ausstellung \u00fcber den Wiener Sozialisten, Universalgelehrten und Pionier der visuellen Kommunikation\u00a0 Otto Neurath. Warum der Titel der Ausstellung Gypsy Urbanism lautet, wird dem unbedarften Leser nicht deutlich. 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