{"id":3076,"date":"2012-11-01T22:14:41","date_gmt":"2012-11-01T21:14:41","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=3076"},"modified":"2012-11-05T21:37:01","modified_gmt":"2012-11-05T20:37:01","slug":"die-stange-die-flasche-und-das-kabel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=3076","title":{"rendered":"Die Stange, die Flasche und das Kabel"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/wasserflache-240-web11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-3078\" title=\"wasserflache-240-web1\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/wasserflache-240-web11-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"140\" srcset=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/wasserflache-240-web11-300x200.jpg 300w, https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/wasserflache-240-web11.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>In einem Zimmer unterm Dach wohnte ein Junge, der am Tag gerne Skateboard fuhr und abends Geschichten in dicken B\u00fcchern las, dem Nachts im Traum manchmal total lustige Sachen passierten und komische Leute begegneten. Wenn er schlief und die Stadt auch, war es hier oben still und dunkel. Eine Stra\u00dfenlaterne warf ihren fahlen Schein durch das Dachfenster an die Wand. Da traf sie sich manchmal mit dem luftigen Licht der Mondes, wenn der richtig stand und volle Backen hatte. <!--more-->Manchmal war von irgendwo her das Rattern einer Eisenbahn zu h\u00f6ren. Der Wecker tickte ruhig weiter und schien auch zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Doch pl\u00f6tzlich wurde diese verschlafene Schummrigkeit j\u00e4h durchbrochen. Aus einer Ecke des Zimmers gellte ein helles, d\u00fcnnes Stimmchen. Dort lag eine Salzstange unter dem Tisch, die heruntergefallen war. \u201cHe, ist da einer?\u201d Und als eine dreiviertelleere Mineralwasserflasche, die neben ihr nichtsahnend an der Bettkante stand, kaum h\u00f6rbar gurgelte, machte die Stimme einfach unverdrossen weiter: \u201cMeine G\u00fcte, was habe ich f\u00fcr ein Gl\u00fcck gehabt. Vom Teller bin ich ihm gerutscht, ohne dass er es gemerkt hat. Nur deshalb hat er mich nicht zerbissen, zerkaut und runtergeschluckt. Mein Gott, ich bin dem sicheren Magensafttod entronnen. Was mach ich nur, was mach ich nur?\u201d<\/p>\n<p>Die dicke Plastikflasche, die an der H\u00fcfte sch\u00f6ne Noppen hatte, etwas hohl klang, aber viel herumgekommen war, antwortete: \u201cDu braun gebackener und wei\u00df gesprenkelter Gl\u00fcckpilz, du. Mich wird er morgen austrinken. Und dann packt er mich, bringt mich zum n\u00e4chsten Supermarkt und steckt mich durch ein Loch in die nimmersatte Plastikpresse.\u201d Dann fing sie furchtbar an zu schluchzen und zu jammern. \u201cOh, nein, das ist mein sicheres Ende.\u201d Sie war sehr verzweifelt. Denn die Flasche, die viel Phantasie besa\u00df, sah schon wie ein Fernsehbild jenen Augenblick vor sich, in dem sie auf dem Flie\u00dfband in den Apparat rutschte und die schweren, unbarmherzigen Pressballen auf sie zukamen. Bei diesem schrecklichen Gedanken hatte die \u00c4rmste jedesmal ihr letztes Knacken und Knistern im Ohr. Das konnte sie kaum ertragen.<\/p>\n<p>\u201cAch, alte Sprudlerin\u201d, meldete sich die Salzstange. \u201cMir wird es doch nicht besser ergehen. Mich schmei\u00dft er morgen oder \u00fcbermorgen, wenn er mich auf dem Boden findet, in den M\u00fclleimer. Denn ich bin angebrochen und unansehnlich\u201d, wimmerte das schm\u00e4chtige Geb\u00e4ck, dem tats\u00e4chlich an einem Ende ein St\u00fcck fehlte. Au\u00dferdem vermisste die Teilstange ihre verspeisten Kameraden, mit der sie so lange in der T\u00fcte gesteckt hatte. Da hatten sie miteinander getobt und m\u00e4chtig Spa\u00df gehabt. Aber wie sollte es jetzt weitergehen? \u201cKomm, wir verschwinden, bevor unser letztes St\u00fcndchen schl\u00e4gt. Lass uns dorthin, wo man uns noch braucht. Wir wollen das Gl\u00fcck finden\u201d, nahm das d\u00fcnne Ding all seinen Mut zusammen, ohne \u00fcberhaupt zu wissen, wo das denn sein k\u00f6nnte. Die Flasche, deren Wasser langsam schal wurde, wusste auch nicht recht weiter. Deshalb \u00fcberlegte sie nicht allzu lange, r\u00fclpste nochmal und stimmte zu. Aber wo denn der Ort liegen k\u00f6nnte, an dem sie geachtet, gl\u00fccklich und nicht gedankenlos entsorgt w\u00fcrden, das wussten beide nicht. So schwiegen sie eine Weile ratlos, w\u00e4hrend der Mond hinter Wolken verschwand und es im Zimmer noch ein wenig d\u00fcsterer wurde.<\/p>\n<p>Eine Weile war nichts mehr zu h\u00f6ren. Bis ein graues Computerkabel, das zwischen Socken und Comicheften auf dem Fu\u00dfboden lag, sich in das Gespr\u00e4ch der Zimmergenossen einmischte. Das lange Ding, durch das in seinem kurzen Leben schon viele Informationen geflossen war, hatte die ganze Zeit zugeh\u00f6rt. Es kannte sich aus und wusste, was ihm bl\u00fchte. Der Gedanke, monate-, vielleicht sogar jahrelang hinter dem PC rumh\u00e4ngen zu m\u00fcssen, war grausam. Das kluge Kabel w\u00fcrde sich zu Tode langweilen. Es fand, es sei zu H\u00f6herem berufen. Und vielleicht ergab sich ja nun eine unverhoffte Chance, dem m\u00fchseligen Leitungstrott zu entkommen. Blitzschnell erkannte das graue Verbindungskabel die Situation und erkl\u00e4rte seinen verdutzten Zimmergenossen, dass es \u00fcber Wissen verf\u00fcge, ohne das ihre geplante Flucht niemals gelingen k\u00f6nne. Dass es selbst nicht wusste, wohin es gehen sollten, sagte es lieber nicht. Das war ja vielleicht auch nicht so wichtig. Allen dreien war das in diesem Moment total egal. Die beiden Ratlosen lauschten ihrem neuen Anf\u00fchrer, der ihnen erst noch einmal erkl\u00e4rte , welches gro\u00dfe Gl\u00fcck sie doch h\u00e4tten, einem Kerl wie ihm \u00fcber den Weg gelaufen zu sein. \u201cMir nach! Ich werde euch erretten!\u201d rief er schlie\u00dflich ins Halbdunkel. Im selben Moment stand das k\u00fchne Kabel auf und marschierte zur T\u00fcr, die einen klitzekleinen Spalt offen stand. Das gen\u00fcgte. Schon war die PC-Schn\u00fcre hindurch geschl\u00fcpft, stemmte die T\u00fcr mit seiner ganzen Kraft noch ein bisschen weiter auf, sodass auch die Flasche hindurchpasste. Die Stange folgte hinterdrein.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen! Das schlaue Kabel fand gleich einen Fahrradweg, der sich an einer Landstra\u00dfe entlang schl\u00e4ngelte und auf dem sie vor den Autos gesch\u00fctzt waren. So wanderten sie den ganzen Tag und sangen fr\u00f6hliche Lieder. Als es langsam d\u00e4mmerte und sie das Gef\u00fchl hatten, schon weit genug weg zu sein, suchten sie sich ein Lokal, um ihre erfolgreiche Flucht zu feiern. Das wurde ein lustiger Abend, an dem das Kabel viele Geschichten erz\u00e4hlte und die drei oft auf ihren Erfolg anstie\u00dfen. Weil sie so guter Dinge waren und schon ein wenig duselig, verga\u00dfen sie die Zeit. Als das Geld alle war, warf sie der Wirt raus. Sie hatten zwar kein Geld mehr und auch keine Unterkunft, aber gute Laune und das clevere Kabel, das stets Rat wusste. Es fand eine Tonne, die auf dem B\u00fcrgersteig stand. Mit vereinten Kr\u00e4ften \u00f6ffneten sie den Deckel, krochen hinein und fielen sofort in einen tiefen Schlaf. Am n\u00e4chsten Morgen kam der M\u00fcllwagen und schluckte alles, was in der Tonne war, auch die drei verpennten Fl\u00fcchtlinge. Als sie das Tageslicht wiedersahen, befanden sie sich auf einem \u00fcbel riechenden H\u00fcgel, den sie fluchtartig verlie\u00dfen. Hier verliert sich die Spur der wackeren Gesellen. Es wird erz\u00e4hlt, dass sie irgendwann an einen Fluss kamen. Im hohen Schilf sollen sie ein altes, halb verrottetes Boot gefunden haben, das sie losbanden und fortan als Fluchtfahrzeug benutzten.<\/p>\n<p>Seitdem werden viele Geschichten \u00fcber die drei Ausrei\u00dfer erz\u00e4hlt, von denen keiner wei\u00df, welche nun wirklich wahr ist. Manche sagen, das Boot ist sehr alt gewesen und hat mindestens ein riesiges Leck gehabt. Schon als sie die Flussmitte erreichten, ist der Kahn untergegangen und alle sind j\u00e4mmerlich ertrunken.<\/p>\n<p>Andere sagen dagegen, so gro\u00df sei das mit dem Leck gar nicht gewesen. Die Flasche hat auf Anweisung des Kabels ihren Hals hineingesteckt. So sind sie immer weiter in v\u00f6llig unbekannte Gew\u00e4sser getrieben worden, bis sie nach f\u00fcnf, sechs oder sieben Wochen in einen Orkan gerieten und an den Strand einer unbekannten Insel geschwemmt wurden, auf der noch das letzte Quangelwangel lebte. Aber das erfuhren sie erst viel sp\u00e4ter. Zuerst lagen sie einige Stunden bewusstlos am Strand. Dann weckte sie der Herrscher der Insel, der sich als Herr Halja Hanja Golja Biddim, der 32. , K\u00f6nig von Zackhittizopp, vorstellte. Ein sehr h\u00f6flicher Mann. Er lie\u00df f\u00fcr die drei Fremdlinge sofort ein Willkommensfest ausrichten, obwohl die gar keine Geschenke dabei hatten. Und weil das so \u00fcblich ist in Zackhittizopp, gab er ihnen auch noch seine drei wundersch\u00f6nen T\u00f6chter zur Frau. Von denen war die eine, Tressli, schwarzhaarig, die andere, Bessli, br\u00fcnett und letzte, Nebogen, blond. \u201cWas will man mehr?\u201d, dachten sich die drei Freunde und w\u00e4hnten schon, sie h\u00e4tten ihr Gl\u00fcck gefunden. Als aber K\u00f6nig Halja Hanja Golja Biddim ihnen dann auch noch das halbe K\u00f6nigreich schenken wollte, wusste er nicht, wie man die H\u00e4lfte durch drei teilt. Daraus entstand ein furchtbarer Streit, in den sich dummerweise die Lehrer der Insel einmischten, die von Bruchrechnung auch keine Ahnung hatten, das aber nat\u00fcrlich nicht zugeben wollten. Dar\u00fcber kam es schlie\u00dflich zum Krieg. Die ganze Insel wurde verw\u00fcstet, alle H\u00e4user niedergebrannt. Was aus den drei Freunden wurde, wei\u00df bis heute niemand.<\/p>\n<p>Andere sagen aber, das sei alles ganz anders gewesen. Die drei sind danach tats\u00e4chlich auf das offene Meer hinausgetrieben worden, tausende von Seemeilen durch Platzregen, Monsune, wolkenlosen Himmel, sengende \u00c4quatorhitze und absolute Windstille. Irgendwann kamen sie dann genau an die Stelle, wo die Regenbogen ihre F\u00fc\u00dfe zur Abk\u00fchlung in den Ozean tunken. Alle waren von den Farben, die sich in den Wellen millionenfach brachen, so geblendet, dass ihnen schwindelig wurde. Aber das Computerkabel hat sich die Augen zugehalten und ist sofort hochgeklettert, die beiden anderen hinterher. Und obwohl die Farben sie sehr geblendet haben, kamen alle drei wohlbehalten oben an. Da standen sie auf dem h\u00f6chsten Punkt des Regenbogens und genossen die wunderbare Aussicht. Dabei haben sie gejubelt, hielten sich an den H\u00e4nden und haben ein fr\u00f6hliches Wanderlied getr\u00e4llert. Denn sie dachten, sie h\u00e4tten ihr Gl\u00fcck gefunden. Das schrieben sie auf eine Postkarte, die sie in Gottes eigenen Briefkasten steckten. Die ist aber leider verloren gegangen. Doch die drei, sagt man, sollen wirklich nette Engel geworden sein, die am liebsten schlafenden Kindern helfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Zimmer unterm Dach wohnte ein Junge, der am Tag gerne Skateboard fuhr und abends Geschichten in dicken B\u00fcchern las, dem Nachts im Traum manchmal total lustige Sachen passierten und komische Leute begegneten. Wenn er schlief und die Stadt &hellip; <a href=\"https:\/\/formweh.de\/?p=3076\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[82,57],"tags":[],"class_list":["post-3076","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dinge","category-wortwahl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3076"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3076\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3083,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3076\/revisions\/3083"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}