{"id":2544,"date":"2012-02-01T16:57:11","date_gmt":"2012-02-01T15:57:11","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=2544"},"modified":"2012-07-04T20:18:31","modified_gmt":"2012-07-04T19:18:31","slug":"conrans-empire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=2544","title":{"rendered":"Conrans Empire"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_2577\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/design-museum-turm-plastik.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2577\" class=\"size-thumbnail wp-image-2577\" title=\"design-museum-turm-plastik\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/design-museum-turm-plastik-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2577\" class=\"wp-caption-text\">Eingewickelter Turm des Londoner Design Museums (angeblich ein geheimes Christo-Projekt)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">In seiner Heimat widmet man ihm <a title=\"Austellung Terence Conran\" href=\"http:\/\/www.formguide.de\/ausstellungen\/kalender\/terence-conran\/\">Ausstellungen<\/a>. Au\u00dferhalb Gro\u00dfbritannien ist ein Name dagegen nur Eingeweihten bekannt. Dabei springt er einem von diesen schwer beladenen B\u00fcchertischen, die uns in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone bewusst in den Weg gestellt werden und auf denen sich die Sch\u00f6ner-Wohnen-Titel stapeln, \u00fcberall entgegen. Terence Conran &#8211; Sir, Urlondoner, Verleger, Stilberater, Highstreetexperte, Immobilienjongleur, M\u00f6bel- und Restauranterfinder -, der st\u00e4ndig mit Feingef\u00fchl irgendwelche F\u00e4den zieht und dabei wie nebenbei noch die Welt begl\u00fcckt, jedenfalls die Designwelt. <!--more-->Wir erinnern uns: Nachdem Maggie Thatcher die Gewerkschaften gekillt hatte, entwickelte der &#8222;Rote Tony&#8220; (so nannte ihn seine Frau Cherie wegen seiner Vorliebe f\u00fcr r\u00f6tliche Krawattenmuster) \u2013 also Ex-Premierminister Tony Blair entwickelte die neue Revolutionstheorie von &#8222;New Labour&#8220;. Die ging, um es noch einmal schnell zu wiederholen, kurz gesagt so: Das ganze Land ist eine B\u00f6rse; alle spekulieren wie wild drauf los, und werden dabei reich und gl\u00fccklich. Und um das auch zeigen zu k\u00f6nnen, braucht man viel Design, zuhause, beim Einkaufen und beim Essengehen (was die Briten mangels Lokalen zun\u00e4chst allerdings noch selten unternahmen). Da kommt Terence Conran ins Spiel, ein Berater von Blair.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Man kennt ihn als freundlichen Gesch\u00e4ftsmann, Konzeptgastronomen und Museumsgr\u00fcnder, ferner als eifrigen Verleger, als Sanierer heruntergekommener Immobilien und als nimmerm\u00fcden Anwalt der kaum weniger heruntergekommenen englischen Highstreet. Kurz: Conran, der 80-j\u00e4hrige, kann seine H\u00e4nde einfach nicht still halten. Dauernd hat der Sohn eines Gummih\u00e4ndlers einen oder mehrere F\u00e4den zwischen den immer noch flinken Fingern. Und in der anderen Hand glimmt eine echte Havanna, wozu ja schon Winston Churchill stark neigte \u2013 und auch der war immer f\u00fcr eine \u00dcberraschung gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neulich zog Sir Conran mal wieder an einer ganz gro\u00dfen Strippe, und \u00fcberraschte zur Abwechslung einmal die Deutschen \u2013 mit einem alten Toaster, der sich ertr\u00e4nkt, einem fleckigen Tuch, das zur Selbstverbrennung schreitet, und stumpfen Gl\u00e4sern, die sich im M\u00fclleimer entsorgen. Die Selbstmordserie des in die Jahre gekommenen K\u00fccheninventars war ein 33 Sekunden kurzes Werbehighlight, eine gekonnte Parabel auf den Todesstrieb, der unserem Konsum innewohnt \u2013 und zugleich ein Verbl\u00fcffungsman\u00f6ver von Tchibo, jener ansonsten eher humorlosen Ladenkette, aus deren Regalen die Ware aber \u00e4hnlich schnell verschwindet wie der Hausrat in dem animierten Filmchen. Man schrieb das Jahr 2008, da kam der deutsche Kaffeegro\u00dfr\u00f6ster angesichts sinkender Ums\u00e4tze auf den Designtrichter: Bald gab es &#8222;Conrans K\u00fcche&#8220;, ein Sortiment von &#8222;Designaccessoirs&#8220;, die ein wenig teurer sein durften als die \u00fcblichen Schn\u00e4ppchenangebote, die aber inzwischen nat\u00fcrlich auch l\u00e4ngst ausrangiert sind. Auf dem H\u00f6hepunkt der Aktion blickten Conran Senior und sein Sohn Sebastian feierlich von schwarzen Plakatw\u00e4nden auf deutsche Stra\u00dfen herab \u2013 wo sie freilich bis heute niemand kennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In seiner Heimat ist der alte Conran hingegen eine Institution und wurde, wie dort \u00fcblich, f\u00fcr seinen Gesch\u00e4ftssinn von der K\u00f6nigin in den Adelsstand versetzt. &#8222;Das passt zu Tchibo&#8220;, frohlockte der Kaffeekonzern, und untersch\u00e4tzte die kaufm\u00e4nnische Coolness des Sirs. Conran, der ja nun auch schon einiges mitgemacht hat und hier jetzt nebenbei noch eines seiner Einrichtungsb\u00fccher verscherbeln konnte, war hingegen v\u00f6llig klar, dass die etwas peinliche Kampagne auch ruckzuck wieder vorbei und Schnee von gestern war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tenrence Conran hat die Lehren des &#8222;englischen Designs&#8220; von der Pike auf lernen m\u00fcssen. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg machte der Neuling in Textil- und M\u00f6belgestaltung die Erfahrung, dass zwar er selbst modern war, seine Landsleute aber davon nichts wissen wollten. Es war zum Verzweifeln. Der Jungspund fand weder H\u00e4ndler noch Hersteller. So richtete er sich Mitte der 60er Jahre im Londoner Westen einfach selbst einen\u00a0 schicken Laden ein, etwas ab vom Schuss in der Fulham Road, aber in der N\u00e4he des Chelsea College of Art, wo der Unternehmersohn Kunsthandwerk studiert hatte.\u00a0 Seinen Laden nannte er <em>Habitat<\/em>. Das war lateinisch (er, sie, es wohnt) und h\u00f6rte sich gebildet an.\u00a0 Besonders die Gl\u00e4ser f\u00fcr verschiedene Nudelsorten (auch so etwas Modernes!) gingen von Anfang an so gut, dass er bald das n\u00e4chste Gesch\u00e4ft aufmachen konnte, dann das n\u00e4chste und das n\u00e4chste und so weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Conran ging irgendwann an die B\u00f6rse und mischte jene Highstreet auf, um deren Erhalt er sich bis heute immer so gro\u00dfe Sorgen macht. Nebenbei erfand er das englische Schickimickirestaurant, gr\u00fcndete einen Verlag f\u00fcr Einrichtungsb\u00fccher und war fortan der Meister der Lebensart. Dann kam sein regelrechtes Meisterst\u00fcck: Als er an den ehemaligen Londoner Docks auch noch sein eigenes &#8222;Design Museum&#8220; gr\u00fcndete, sanierte er die verrottete Gegend gleich noch mit. Hier hat sein Empire des guten Geschmacks seitdem seinen heimlichen Mittelpunkt. Da gab es bald auch eine kleine Buchhandlung, au\u00dferdem Schickimickirestaurants und jede Menge teure Eigentumswohnungen, in die bekanntlich viel Design hineingeh\u00f6rt. Das war, ja richtig, Ende der 80er-Jahre und gefiel ihm alles in allem so gut, dass er seine Habitat-Kette einfach verkaufte (Ikea hatte gerade Bedarf an etwas Design).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von nun an konzentrierte er sich voll auf die &#8222;Kreativindustrie&#8220; und das kreative Sanieren, das er zu einer wahren Kunst entwickelte. Nat\u00fcrlich steigen nach dem Sanieren immer etwas die Preise, die sich der ein oder andere dann vielleicht gar nicht mehr leisten kann. Das ist unvermeidlich und hat ja auch Vorteile, da der weitsichtige Conran so seine n\u00e4chsten Projekte besser finanzieren kann, was wiederum dann auch anderen Menschen zugute kommt. Das ist f\u00fcr den Aufkl\u00e4rer Conran, der dem Volk einfach viele &#8222;sch\u00f6ne Dinge&#8220; g\u00f6nnt, geradezu\u00a0 eine Herzensangelegenheit. Kaum einer anderer hat es geschafft, seine Designkundschaft so effektiv zu vermehren; man k\u00f6nnte es Designkreislaufwirtschaft nennen, ein ausgefuchstes Gesch\u00e4ftsmodell.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie sicher Terence Conran immer noch die F\u00e4den in der Hand h\u00e4lt, zeigte sich neulich gerade wieder im Ostlondoner Stadtteil Shoreditch, der einst ein Slum war (und teilweise auch noch ist). Da wohnten einmal fast nur bengalische Einwandererfamilien, die in den &#8222;Sweatshops&#8220; der Umgebung schufteten. Dann suchten sich in den 80er-Jahren junge K\u00fcnstler hier billigen Atelierraum, das Viertel wurde hip. Studenten zogen nach. Seit in der direkten Nachbarschaft auch noch Londons Olympisches Dorf gebaut wurde, war dem Kenner klar, dass das Multikultipflaster bald gefragt sein w\u00fcrde. Conran z\u00f6gerte nicht lange und er\u00f6ffnete ein Caf\u00e9, nebenan noch ein Luxushotel mit Kellerrestaurant, Feinkostladen und Dachgarten. Das hob den allgemeinen Standard und, schwups, machte gleich um die Ecke eine Edelgalerie auf, vorsichtshalber mit Schutzmauer und Eingangsschleuse (man kann nie wissen \u2013 und so ausgefeilte Kontrollsysteme, wie wir sie aus Bagdad oder Los Angeles kennen, lassen sich doch problemlos auch auf andere Weltregionen \u00fcbertragen). Da f\u00e4llt einem doch gleich Vila Cruzeiro ein, jene Favela in Rio de Janeiro, die k\u00fcrzlich durch starke Polizeikr\u00e4fte von der Drogenmafia gereinigt wurde \u2013 und dabei praktisch selbst mit \u00fcber die Wupper ging. Wo in der N\u00e4he \u00fcbrigens auch bald Olympische Spiele stattfinden, und wo sp\u00e4testens jetzt der Nachholbedarf in Designdingen enorm sein soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Text nach: Bernd Polster,<a title=\"Und kann man darauf auch sitzen?\" href=\"http:\/\/https:\/\/formweh.de\/?p=1922\"><em> Und kann man darauf auch sitzen? Wie Design funktioniert<\/em><\/a>, K\u00f6ln 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Heimat widmet man ihm Ausstellungen. Au\u00dferhalb Gro\u00dfbritannien ist ein Name dagegen nur Eingeweihten bekannt. 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