{"id":2303,"date":"2012-02-01T00:48:15","date_gmt":"2012-01-31T23:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=2303"},"modified":"2012-02-16T18:53:20","modified_gmt":"2012-02-16T17:53:20","slug":"klotznautik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=2303","title":{"rendered":"&#8222;Costa Concordia&#8220;, ein b\u00f6ses Omen?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_2305\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/das-fahrgastschiff-serenade-bietet-134-220041.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2305\" class=\"size-thumbnail wp-image-2305\" title=\"das-fahrgastschiff-serenade-bietet-134-22004\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/das-fahrgastschiff-serenade-bietet-134-220041-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2305\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Serenade&quot;, der Ur-Schiffsriegel auf dem Rhein (zeitgen\u00f6ssische Postkarte)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Schiffe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dass die Idee, Passagiere beziehungsweise deren Unterk\u00fcnfte optimal zu stapeln, schon zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt auf dem Rhein umgesetzt wurde, ist aus tourismuswirtschaftlicher Perspektive kaum verwunderlich. Nicht zuletzt in den Niederlanden, die ja bekanntlich an der Rheinm\u00fcndung liegen und in Transportgesch\u00e4ften jahrhundertelange Erfahrungen besitzen, fand diese Idee und deren daraus unmittelbar resultierende Formgebung schnell Anklang. Das f\u00fchrte zu v\u00f6llig neuen Bootstypen: dem schwimmenden Kubus oder Klotz, dessen naher Verwandter das Kl\u00f6tze tragende Containerschiff ist. W\u00e4hrend aber auf einen Containerfrachter dicht an dicht bis zu 10.000 Einheiten passen, erreichen selbst die gr\u00f6\u00dften Kreuzfahrtschiffe nicht mal die H\u00e4lfte an Passagierzahlen. Was wiederum ein Schlaglicht darauf wirft, wie sperrig der Mensch ist. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kunsthistorisch gesehen scheinen die gew\u00f6hnlich vollkommen seet\u00fcchtigen Bettenburgen ihre Ahnen in der sogenannten &#8222;klassischen Moderne&#8220; zu haben, die ja einen ausgesprochen Faible f\u00fcr Geraden und Kuben hatte. Dass die Holl\u00e4nder Gerrit Rietveld und Piet Mondian die Sache bei einer dieser sagenhaften Parties ihres K\u00fcnstervereins &#8222;de Stijl&#8220; ausgeheckt haben, ist allerdings eine Legende. Auch die Dessauer Bauhaus-Stiftung dementiert vehement, dass ihr \u00dcbervater Walter Gropius &#8211; der Weltmeister der Kuben &#8211; mit dieser prek\u00e4ren Angelegenheit irgendwas zu tun habe. Es war einfach wie immer: Was geschehen musste, geschah auch. Gestapelt wird nat\u00fcrlich unterm Flachdach (!), einem der gro\u00dfen Themen der Moderne.\u00a0 Einer der ersten schwimmenden Flachbauten muss der Rheindampfer &#8222;Serenade&#8220; gewesen sein. Dessen logische Folge war schlie\u00dflich die &#8222;Serenade of the Seas&#8220;, ein nautischer Megablock f\u00fcr gehobene Pauschalodysseen. Seitdem vermehren sich die vielst\u00f6ckigen Schwimmkl\u00f6tze f\u00fcr ziellose Rundreisen unentwegt. Ihre frappante \u00c4hnlichkeit mit der Neuk\u00f6llner &#8222;Gropius-Siedlung&#8220;, die auch schr\u00e4ge Fassagen aufweist &#8211; aber trotz verbreiteter Endzeitstimmung nat\u00fcrlich nicht untergehen kann &#8211; ist aber nun mal nicht wegzudiskutieren. Es sind Apotheosen des Stapelprinzips, einer banalen Konsequenz der instrumentellen Vernunft, und somit l\u00e4ngst ein weltumspannendes Gesch\u00e4ftsmodell, das vorschreibt: M\u00f6glichst viele auf engem Raum unterbringen!<\/p>\n<div id=\"attachment_2493\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/slave-transport-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2493\" class=\"size-thumbnail wp-image-2493\" title=\"slave-transport-web\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/slave-transport-web-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2493\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Regulated Slave Trade&quot;<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Das erste mal, dass \u00dcberseepassagiere optimal gestapelt wurden, war auf den Slavenschiffen, die vom 17. bis zum 19. Jahrhunderts verschleppte Afrikaner zur Zwangsarbeit nach Amerika brachten. Nachdem die Todesraten auf den heillos \u00fcberfrachteten Seglern das Unternehmen \u00f6konomisch widersinnig zu machen drohte, sorgten gesetzliche Regularien f\u00fcr das vern\u00fcnftige Stapeln der dunkelh\u00e4utigen Humanware (siehe Abbildung). Ein fr\u00fcher Fall von fortgeschrittener instrumenteller Vernunft einhergehend mit ozeantiefer Menschenverachtung, eine Kombination, wie in der modernen Geschichte wahrlich kein Einzelfall bleiben sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun sind \u00e4hnlich \u00fcbervolle Schiffe wieder zur Normalit\u00e4t geworden: In Form v\u00f6llig \u00fcberfrachteter afrikanischer Fl\u00fcchtlingsschiffe, die Kurs auf Europa nehmen. Nach Angaben des UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerks UNHCR sind 2011 mehr als 1500 Menschen bei dem Versuch, auf diesen \u00fcberladenen P\u00f6tten \u00fcber das Mittelmeer zu fliehen, ertrunken oder verschwunden. Das sei die h\u00f6chste Zahl seit Beginn der Statistik im Jahr 2006. Da diese Schiffe allerdings unspektakul\u00e4r klein sind und sich zudem kaum Deutsche darauf befinden, die eine Nachricht wert w\u00e4ren, erfahren wir meist nur etwas dar\u00fcber, wenn mal richtig viele absaufen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2504\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Costa-Concordia_Kabinen_Innenkabine-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2504\" class=\"size-medium wp-image-2504\" title=\"Costa-Concordia_Kabinen_Innenkabine-web\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Costa-Concordia_Kabinen_Innenkabine-web-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Costa-Concordia_Kabinen_Innenkabine-web-300x200.jpg 300w, https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Costa-Concordia_Kabinen_Innenkabine-web.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2504\" class=\"wp-caption-text\">Eine Kabine der &quot;Costa Concordia&quot;<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Und nun das: Die &#8222;Costa Concordia&#8220;, einer dieser Klotzonauten, schabt gedankenlos an der italienischen K\u00fcste entlang, wird dabei auf gut siebzig Metern aufgeschlitzt und s\u00e4uft in dieser flachen, lauwarmen Mittelmeerbr\u00fche ab, die schon f\u00fcr so viele Fl\u00fcchtlinge zum Grab geworden ist. Aber die &#8222;Costa Concordia&#8220; bleibt an einem Felsen h\u00e4ngen. Das ist so banal wie das Schiff selber. Und gerade darin wahrscheinlich wiederum ungeheuer lehrreich. Im \u00fcbrigen stellt sich aber die Frage, ob wir dem wegen seiner Totalverantwortungslosigkeit so gescholtenen &#8222;Costa-Concordia&#8220;-Kapit\u00e4n Francesco Schettino, der nur der Hauptdarsteller einer schlechten Operette zu sein scheint, nicht doch v\u00f6llig untersch\u00e4tzen. Manche glauben, er habe einfach den Namen seines Schiffes &#8222;Costa Concordia&#8220; &#8211; also Einigkeit mit der K\u00fcste &#8211; grundlegend falsch verstanden. Doch, davon ist auszugehen, Capitano Schettino dachte weiter. War es nicht 1912, als die sprichw\u00f6rtliche &#8222;Titanic&#8220; spektakul\u00e4r im eiskalten Atlantik versank. Das ist doch kein Zufall! Der Commandante hat einfach ebenso eiskalt das mediale Potential erkannt, das in diesem runden Jubil\u00e4um steckt und instinktiv den Starruhm gesucht. Also hat er treffsicher zum 100sten der &#8222;Titanic&#8220; selber einen, nat\u00fcrlich zeitgem\u00e4\u00dfen, medial voll abgedeckten Untergang hingelegt. Das w\u00e4re doch zumindest mal eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr sein ansonsten unfassbares Verhalten.<\/p>\n<div id=\"attachment_2506\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/ccuntergang-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2506\" class=\"size-thumbnail wp-image-2506\" title=\"ccuntergang-web\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/ccuntergang-web-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2506\" class=\"wp-caption-text\">Gekippter Stapel: &quot;Costa Concordia&quot;<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend aber die &#8222;Titanic&#8220; spektakul\u00e4r in den Wellengebirgen des Nordatlantikas abgeglitten sein soll (\u00fcbrigens samt Kapit\u00e4n Edward John Smith), d\u00fcmpelt die &#8222;Costa Concordia&#8220; eben nur m\u00fcde vor sich hin. Diese Kl\u00f6tze, in deren W\u00fcrfelf\u00f6rmigkeit noch der Geist der Spekulation aufscheint, k\u00f6nnen nicht mal richtig untergehen. Es sind Maschinen der Kreuzfahrtindustrie und selbst angesichts der Trauer \u00fcber die vielen Toten bar jeder Tragik.\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 bp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schiffe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dass die Idee, Passagiere beziehungsweise deren Unterk\u00fcnfte optimal zu stapeln, schon zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt auf dem Rhein umgesetzt wurde, ist aus tourismuswirtschaftlicher Perspektive kaum verwunderlich. 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