{"id":1865,"date":"2011-07-02T15:09:20","date_gmt":"2011-07-02T14:09:20","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=1865"},"modified":"2012-02-16T19:05:48","modified_gmt":"2012-02-16T18:05:48","slug":"zeit-und-wert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=1865","title":{"rendered":"Ur-Portable"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1871\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/adolfsuhr-vorn-706-web-qu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1871\" class=\"size-thumbnail wp-image-1871\" title=\"adolfsuhr-vorn-706-web-qu\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/adolfsuhr-vorn-706-web-qu-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1871\" class=\"wp-caption-text\">Zeitlos?<\/p><\/div>\n<p>Die alte Taschenuhr meines Urgro\u00dfvaters kommt aus einer Zeit, dem Kaiserreich, mit der wir scheinbar gar nichts mehr zu tun haben. Welch grandioser Irrtum. Wie alt mag es sein das gute alte St\u00fcck? Wann und aus welchem Anlass hat er sie wohl bekommen? Kurz vor dem 1. Weltkrieg vielleicht als er Anfang 20 und ein zorniger junger &#8222;Sozi&#8220; war, geheiratet hatte und sein Sohn, mein Gro\u00dfvater, geboren wurde? Nach seinem Tod geh\u00f6rte die Uhr dann zu den ganz wenigen St\u00fccken, die  nicht einfach achtlos in den M\u00fcll wanderten, sondern f\u00fcr die n\u00e4chsten  Jahrzehnte in einer Schrankschublade meiner Eltern verschwanden.<\/p>\n<p><!--more--> Denn obwohl hoffnungslos altmodisch, war es ja doch irgendwie ein &#8222;Wertst\u00fcck&#8220;. Dass es auch ein Erinnerungsst\u00fcck ist, famili\u00e4r ohnehin, aber auch historisch, wie sollte denn das jemandem auffallen? Irgendwann in den 80er Jahren gelangte sie dann in meinen Besitz, weil  ich sie irgendwie mochte. Und das lag weniger an der starken Dosis Nostalgie, die ich seit den Sechzigern auch intus hatte. Man denke nur an die Arzttasche, mit der ich nach der Schule rumrannte und die ich mit Idolen in Blubberschrift verziert hatte &#8211; und nat\u00fcrlich an die langen Haaare! Nein, das Motiv der spontanen Zuneigung war gerade das Gegenteil der Hippiewallungen: Die Einfachheit der Uhr l\u00f6ste eine latente Bewunderung aus. Ich habe sie zwar auch nicht getragen, aber gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig in Ehren gehalten. Und mit mir ist sie dann vermutlich \u00e4hnlich oft umgezogen wie mit  meinem Urgro\u00dfvater, der wegen seiner sozialdemokratischen Ansichten\u00a0 schon \u00f6fter mal die Arbeitsstelle wechseln musste. \u00dcbrigens: Inzwischen lieben sie auch meine beiden Kinder als ein mysteri\u00f6s attraktives Objekt aus galaktisch weit entfernten Vorzeiten.<\/p>\n<div id=\"attachment_1876\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/adolfsuhr-hinten-720-web-qu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1876\" class=\"size-thumbnail wp-image-1876\" title=\"adolfsuhr-hinten-720-web-qu\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/adolfsuhr-hinten-720-web-qu-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1876\" class=\"wp-caption-text\">Bewusster Verzicht oder nur die billige Version?<\/p><\/div>\n<p>Uropas zur\u00fcckhaltend wirkende Uhr mit ihren schlanken schwarzen Zahlen auf dem wei\u00dfen Zifferblatt w\u00e4re ein prima Anlass mal \u00fcber den Wert der Dinge zu spekulieren (und ich meine ausdr\u00fccklich nicht den, den ich auf dem n\u00e4chsten Antikmarkt oder bei Ebay vielleicht daf\u00fcr erzielen k\u00f6nnte).\u00a0 Das klingt heute im Zeitalter von allgegenw\u00e4rtigem Angeberdesign und galoppierender Aldisierung so altbacken wie die Uhr ja tats\u00e4chlich ist. Man muss sie mit einem Schl\u00fcssel aufziehen. Und doch ist sie auch ein Vorg\u00e4nger des i-Pods, ein fr\u00fche Maschine f\u00fcr die Hosentasche. Und eben auch f\u00fcr die der kleinen Leute. Allerdings war auch dieser historische Vorg\u00e4nger aller Portables ganz sicher ein Prestigeobjekt. Was fr\u00fcher ein Privileg der Reichen gewesen war, konnte sich nun im Kaiserreich auch ein einfacher Dreher leisten, ein Feinmechaniker, der er war. Die Uhr war also Zeichen eines gewissen Aufstiegs, wie sp\u00e4ter das UKW-Radio oder der Kleinwagen. Um so erstaunlicher ist es, dass die Uhr keinerlei \u00fcberfl\u00fcssigen Zierrat aufweist. Ihr einfaches Zifferblatt ist klar gliedert und sehr \u00fcbersichtlich. Die r\u00f6mischen Ziffern sind nicht gerade gestellt, sondern folgen dem Kreis, was das Gesamtbild ruhig macht und damals so \u00fcblich war. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Grafik einfach um einen handwerklichen Standard, der aus entsprechenden Musterb\u00fcchern \u00fcbernommen wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_1885\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/adolfsuhr-offen-727-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1885\" class=\"size-thumbnail wp-image-1885\" title=\"adolfsuhr-offen-727-web\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/adolfsuhr-offen-727-web-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1885\" class=\"wp-caption-text\">Alle R\u00e4der stehen still ..<\/p><\/div>\n<p>In einem Buch \u00fcber Karl Marx entdeckte ich \u00fcbrigens eine ganz \u00e4hnliche Uhr, die der Querdenker aus Trier besa\u00df und geliebt haben soll. Die war nat\u00fcrlich um einiges \u00e4lter. Naja, jedenfalls war ja mein Urgro\u00dfvater auch so eine Art roter Rebell, der zu wissen glaubte, was die Zeit politisch geschlagen hatte, und das in der L\u00fcneburger Heide. Die klare Grafik des tickenden Schuckst\u00fccks passt aber auch in die Epoche um 1910, die Reformzeit, als man sich in Deutschland von der Dekorationswut des Historismus (und des Jugendstils) abwandte und schmucklose Formen und industrielle Materialien auch in der Architektur und auch bei Alltagsgegenst\u00e4nden Einzug hielten. Daf\u00fcr stehen Gestalter wie Peter Behrens oder Richard Riemerschmidt und nat\u00fcrlich der neu gegr\u00fcndete Deutsche Werkbund.<\/p>\n<div id=\"attachment_1886\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/meine3uhren-692-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1886\" class=\"size-thumbnail wp-image-1886\" title=\"meine3uhren-692-web\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/meine3uhren-692-web-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1886\" class=\"wp-caption-text\">1959, 1965, 1990<\/p><\/div>\n<p>Ob mein Urgro\u00dfvater davon je geh\u00f6rt hatte? Jedenfalls lebte die mit allgemeiner Skepsis gegen den allzu aufgetakelten Zeitgeist sowie die damit einhergehende Vorliebe f\u00fcr das Zweckm\u00e4\u00dfige sozusagen als vulg\u00e4re Variante der &#8222;Lebensreform&#8220; in meiner Familie auch den folgenden Generationen weiter. Und als mir meine Eltern nach meiner Einschulung in die erste Klasse der Winsener Volksschule vorsorglich die erste Uhr kauften, weil nun der unerbittliche Rhythmus des wahren Lebens begann, war dies nat\u00fcrlich eine Armbanduhr. Und die war einfach, ziffernlos &#8211; aber vergoldet. Schlie\u00dflich kam gerade das Wirtschaftswunder in Fahrt und alle wurden Wohlstandskinder. Von all den nun folgenden Moden, wie der \u00fcberm\u00e4chtigen japanischen Digitaluhr oder der schweizer Swatch-Welle, habe ich mich angewidert ferngehalten. Auch Quartzchronografen fand ich \u00fcberfl\u00fcssig und zumeist affig, selbst wenn die Marke Braun draufstand. Von der heute \u00fcblichen Angeber\u00e4sthetik und dem damit einhergehenden &#8222;Design&#8220;-Gebrabbel gar nicht zu reden. Die Uhr ist ganz offensichtlich ein exzellentes Beispiel f\u00fcr die latente, mentale Seuchengefahr, die von diesem Gewerbe ausgehen kann. Und sie ist ein Musterbeispiel f\u00fcr jene unterlauteren Verkaufsmotive und -methoden, vor denen mich meine Gro\u00dfmutter immer gewarnt hat. Wer die Gewinnspannen von &#8222;Designeruhren&#8220; mit Quartzwerk kennt, wei\u00df wovon ich rede.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen Satz von Heinz Heckhausen, der deutsche Motivationspapst, dessen Vorlesungen ich im Grundstudium der Psychologie an der Universit\u00e4t Bochum besuchen musste, ansonsten mit wenig Genuss. Doch als er einmal sagte, dass es Dinge gebe, wie zum Beispiel die Schrift, deren unaufh\u00f6rliche Verbesserung wenig Sinn machen w\u00fcrde, weil die angeblichen Verbesserungen in aller Regel dem Zweck zuwider laufen, habe ich mir diesen Gedanken gemerkt &#8211; und auch auf die Uhr \u00fcbertragen. Achtung! So wurde ich auch auf diesem Gebiet zum Fundamentalisten, der weder die Uhr noch das Rad verbessern will. In meinem Leben habe ich genau drei Uhren getragen, die sich, wenn ich sie so nebeneinander lege, schon erstaunlich \u00e4hnlich sind. Ist das nicht schrecklich langweilig?\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 bp<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die alte Taschenuhr meines Urgro\u00dfvaters kommt aus einer Zeit, dem Kaiserreich, mit der wir scheinbar gar nichts mehr zu tun haben. Welch grandioser Irrtum. Wie alt mag es sein das gute alte St\u00fcck? 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