{"id":1397,"date":"2010-09-23T12:25:48","date_gmt":"2010-09-23T11:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=1397"},"modified":"2012-02-16T19:09:17","modified_gmt":"2012-02-16T18:09:17","slug":"die-kunst-des-plagiats-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=1397","title":{"rendered":"Die Kunst des Plagiats II"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\">\n<div id=\"attachment_1398\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><span><span><span><span><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/lumibaer_blau_xl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1398\" class=\"size-thumbnail wp-image-1398\" title=\"lumibaer_blau_xl\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/lumibaer_blau_xl-150x150.jpg\" alt=\"Lumib\u00e4r von elmarfl\u00f6totto\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/lumibaer_blau_xl-150x150.jpg 150w, https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/lumibaer_blau_xl-300x300.jpg 300w, https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/lumibaer_blau_xl.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><\/span><\/span><\/span><\/span><p id=\"caption-attachment-1398\" class=\"wp-caption-text\">Der Echte: Lumib\u00e4r von elmarfl\u00f6totto<\/p><\/div>\n<p>Vor zehn Jahren ging in M\u00fcnchen der \u201ePartyb\u00e4r\u201c-Proze\u00df zu Ende, ein Verfahren, bei dem ein stattliches Aufgebot von Zeugen sich eine streckenweise durchaus TV-reife Schlammschlacht lieferte. Grund der juristischen Reality-Kom\u00f6die: Ende der neunziger Jahre entwickelten sich die Leuchten in B\u00e4renform zu einer Art Tamagotchi des Wohndesigns. Zeitweise wurden pro Monat \u00fcber 300 000 \u201ePartyb\u00e4ren\u201c abgesetzt. Aber nicht alle waren echt. Gleich eine ganze Reihe von Firmen hatte den Bestseller kopiert. Eine wurde daraufhin vom Originalhersteller verklagt. Obwohl der Tatbestand eindeutig zu sein schien, war der Ausgang des Verfahrens jedoch keineswegs sicher.\u00a0 Am Ende gab es keinen Sieger. Plagiatoren zahlten entgangene Lizenzen nach. Der Leuchtb\u00e4renmarkt war tot.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Klagen gegen \u201eProduktpiraterie\u201c &#8211; wie der Ideenklau auf Gerichtsdeutsch hei\u00dft &#8211; haben einen hohen Unsicherheitsfaktor. Einer der ein Lied davon singen kann, was es hei\u00dft, sich auf rechtlichem Wege gegen Plagiatoren durchzusetzen, ist Hansjerg Maier-Aichen. Der Gr\u00fcnder und Inhaber der Hausartikelfirma Authentics, die eng mit internationalen Designern zusammenarbeitete, z\u00e4hlte mit seinen farbenfrohen Kunststoffprodukten\u00a0 zu den meistkopierten Herstellern. Maier-Aichen hat etliche Prozesse dagegen gef\u00fchrt. Letztendlich war es ein \u201eKampf gegen Windm\u00fchlenfl\u00fcgel\u201c. Maier-Aichen verzichtete schlie\u00dflich ganz auf juristische Gegenwehr. Ausschlaggebend f\u00fcr diese resignative Haltung war nicht zuletzt eine lang andauernde Auseinandersetzung mit Ikea. Der schwedische M\u00f6bel- und Einrichtungskonzern hatte den Kunststoff-Becher \u201eCono\u201c kopiert, eines der erfolgreichsten Authentics-Produkte. Der daraufhin angestrengte Proze\u00df, der sich \u00e4u\u00dferst kompliziert gestaltete, endete schlie\u00dflich mit einem Vergleich.\u00a0 Und dass obwohl man eindeutig nachweisen konnte &#8211; insbesondere anhand der unregelm\u00e4\u00dfigen Wandst\u00e4rke, die beim Original und beim Plagiat identisch sind -, dass der Becher, der bei Ikea als \u201eEpisk\u201c herauskam (und nur eine Mark kostete), eins-zu-eins abgekupfert war. Das Paradox: obwohl \u201eEpisk\u201c deshalb auch als Plagiat bezeichnet werden durfte, hatte Ikea das inkriminierte Produkt weiterhin im Sortiment. Authentics ging kurz darauf pleite und wurde verkauft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Fall kam an die \u00d6ffentlichkeit, als Ikeas \u201eEpisk\u201c den \u201ePlagiarius\u201c verliehen bekam, eine Art Anti-Preis, den der Designer Rido Busse f\u00fcr die dreistesten Nachahmungen vergibt. Das Negativetikett wird den \u00dcbelt\u00e4tern jedes Jahr auf der Frankfurter Designmesse \u201eAmbiente\u201c angeheftet. Die Sammlung mehr oder weniger eleganter F\u00e4lschungen, die so mit der Zeit zusammen kamen, ist beeindruckend und soll demn\u00e4chst in einem Designmuseum ganz anderer Art gezeigt werden. Nachdem der Proze\u00df gegen Authentics zuende war, versuchte Ikea \u00fcbrigens, die peinliche \u201eAuszeichnung\u201c an Rido Busse zur\u00fcckzugeben. Die medienwirksam inszinierte Aktion mi\u00dflang jedoch, da dieser sich strikt weigerte. Busse, selbst ein Gesch\u00e4digter des Ideenklaus, gilt in der Branche als hartn\u00e4ckigster Verfechter starker Schutzrechte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der \u201ePlagiarius\u201c &#8211; ein schwarzer Gartenzwerg mit golden lackierter Nase &#8211; wurde 1977 erstmals verliehen. Der Gnom zeigte Wirkung. Heute hilft h\u00e4ufig schon der Hinweis eines Herstellers, dass man beabsichtige, Original und F\u00e4lschung bei Busse einzureichen, um einen Trittbrettfahrer dazu zu bewegen, seine Raubkopie wieder vom Markt zu nehmen. Was das rechtliche Instrumentarium betrifft, hat sich die Situation der betroffenen Firmen hierzulande ebenfalls deutlich verbessert. Auch dies ist nicht zuletzt auf Busses Aufkl\u00e4rungsfeldzug zur\u00fcckzuf\u00fchren. Ein 1990 eingef\u00fchrtes Gesetz droht mit einer H\u00f6chststrafe von f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis. Die ist allerdings noch nie verh\u00e4ngt worden. Daraus zu folgern, da\u00df es sich beim Designdiebstahl um eine Marginalie handelt, ist jedoch weit gefehlt. Der Schaden, den die professionellen Trittbrettfahrer j\u00e4hrlich verursachen, wird von Experten weltweit auf mehrere hundert Milliarden Mark gesch\u00e4tzt. Eine Summe, die plausibel erscheint, wenn man wei\u00df, da\u00df bereits um 2000 an deutschen Grenzen j\u00e4hrlich Waren im Wert von rund 40 Milliarden Euro unter dem Verdacht beschlagnahmt wurden, dass sie Schutzrechte verletzen w\u00fcrden. Inzwischen sind Polizeieins\u00e4tze auf Messen keine Seltenheit mehr. Insbesondere mittelst\u00e4ndische Betriebe, die in Design und technische Innovationen investieren, leiden unter denen, die sich dieses Geld sparen. Die Zahl der auf diese Weise vernichtetenArbeitspl\u00e4tze d\u00fcrfte betr\u00e4chtlich sein. Ein prominentes Opfer war die Modefirma MCM, die gegen die Masse der Plagiatoren einfach nicht mehr ankam und schlie\u00dflich aufgab.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Den Widerspruch zwischen dem erheblichen wirtschaftlichem Schaden und der Ohnmacht gegen\u00fcber dem fortgesetzten Ideenklau f\u00fchren betroffene Firmen nicht zuletzt auf die Unentschlossenheit der Gerichte zur\u00fcck. F\u00fcr viele Richter ist Design ein terra incognito. Und da der Diebstahl einer Idee ohnehin h\u00e4ufig Ermessenssache ist, gilt das ganze Thema als unsicheres Terrain. Zahlreiche Verfahren werden erst gar nicht er\u00f6ffnet oder enden im Vergleich. Da sinkt die Bereitschaft, \u00fcberhaupt ein Gericht anzurufen. Allein hasenf\u00fc\u00dfige Juristen f\u00fcr die unbefriedigende Situation an der Plagiatsfront verantwortlich zu machen, greift allerdings zu kurz. Dass die Plagiatsindustrien bl\u00fchen &#8211; und zwar mittlerweile nicht nur im Fernen Osten, sondern auch in Osteuropa und in L\u00e4ndern wie der T\u00fcrkei -, verweist zuallererst auf eine hohe Nachfrage.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tats\u00e4chlich handelt es sich bei den Abnehmern in den Industriel\u00e4ndern ja h\u00e4ufig gar nicht um dubiose Dunkelm\u00e4nner. Darunter befinden sich auch gro\u00dfe Namen. Ein Beispiel lieferte die Lufthansa. Die Catering-Abteilung der Renommier-Airline verwendet einen nachgemachten Korkenzieher der holl\u00e4ndischen Designfirma Brabantia und wurde daf\u00fcr von Busse mit einem \u201eKr\u00e4merseelenpreis\u201c bedacht. Wird soetwas ruchbar, beruft man sich zumeist auf Unwissenheit. Auch die Supermarktkette Tengelmann war in einen Fall von Designdiebstahl verwickelt: jene so beliebten K\u00fcchenwerkzeuge aus Edelstahl, die man an ihren Rundgriffen an die Wand h\u00e4ngen kann, und die Tengelmann \u00e4u\u00dferst preiswert angeboten hatte, waren nicht vom Originalhersteller. Hierbei handelt es sich um eines jener typischen Trendprodukte, die Plagiatoren magisch anziehen, weil die schnelle Mark lacht. So war es sicher kein Zufall, da\u00df \u00e4hnliche K\u00fcchenutensilien auch in den L\u00e4den des Kaffeer\u00f6sters Tschibo auftauchten, und zwar ebenfalls in einer Coverversion.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tschibo, eine Firma, die sich zu einem Billiganbieter f\u00fcr Konsumprodukte aller Art entwickelt hat, ger\u00e4t immer wieder ins Visier der Designsch\u00fctzer. So wundert es kaum, dass Tschibo auch eine stattliche Zahl von \u201ePlagiarius\u201c-Preisen vorweisen kann. Die Kombination aus \u00e4u\u00dferst effektivem Vertrieb &#8211; das bedeutet hoher Absatz eines Plagiats, bevor dieses \u00fcberhaupt entdeckt wird &#8211; verbunden mit einer Preisgestaltung, die einen eventuellen Schadenersatz bereits einkalkuliert, ist das dahinter steckende Erfolgsgeheimnis. Hier wird das Plagiat geradezu zum Gesch\u00e4ftsprinzip. Da half es auch nicht viel, dass Tchibo 2008 sein Image durch eine neue &#8222;Kollektion&#8220; des Briten Terence Conran aufzum\u00f6beln versuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ganz \u00e4hnlich liegt der Fall bei Ikea, ein Unternehmen, das sich auf nachempfundene Billigversionen angesagter Designtrends spezialisiert hat. Ein Bummel durch ein Ikea-Kaufhaus ist deshalb auch eine Exkursion in die Designgeschichte und k\u00f6nnte einen Besuch im MoMA ersetzen. Nicht nur skandinavische Klassiker wie Alvar Aalto oder Poul Henningsen haben Ikeas Hausdesigner un\u00fcbersehbar inspiriert. Auch internationales Design findet immer wieder seinen Weg in den ber\u00fchmten Ikea-Katalog. So \u00fcbertraf die Ikea-Variante des Kunststoffklappstuhls \u201ePlia\u201c, die der Italiener Giancarlo Piretti in den sechziger Jahren entworfen hatte, die Auflage des Originals um ein Vielfaches. Der M\u00f6belmulti vertritt diese Politik mittlerweile offensiv. Man versteht sich als Anbieter von \u201edemokratischem Design\u201c, eine Formulierung, die sich der Zustimmung einer Kundschaft sicher wei\u00df, der ein g\u00fcnstiges Angebot allemal wichtiger ist als die Frage nach der geistigen Urheberschaft. Die Prozesse, mit denen die Firma deshalb seit Jahrzehnten \u00fcberzogen wird, hat sie in der Regel erfolgreich abgewehrt. Das schreckte jedoch nicht den deutschen M\u00f6belunternehmer Niels-Holger Moormann, der zu den ganz kleinen Feinen geh\u00f6rt, gegen den Giganten aus Schweden anzugehen, als er seinen Tischbock \u00bbTaurus\u00ab bei Ikea unter der Bezeichnung \u201eSture\u201c entdeckte. Moormann, dessen Firma als eines der innovativsten deutschen M\u00f6belh\u00e4user gilt, sah sich um seine Entwicklungsarbeit betrogen, ein durchaus exemplarischer Fall. Nachdem Moormann die beiden ersten Instanzen\u00a0 bereits gewonnen hatte, zog Ikea vor den Bundesgerichtshof &#8211; doch der nahm den Fall gar nicht an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zehn Jahren ging in M\u00fcnchen der \u201ePartyb\u00e4r\u201c-Proze\u00df zu Ende, ein Verfahren, bei dem ein stattliches Aufgebot von Zeugen sich eine streckenweise durchaus TV-reife Schlammschlacht lieferte. Grund der juristischen Reality-Kom\u00f6die: Ende der neunziger Jahre entwickelten sich die Leuchten in B\u00e4renform &hellip; <a href=\"https:\/\/formweh.de\/?p=1397\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84,86],"tags":[],"class_list":["post-1397","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerkampfe-2","category-szenesitten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1397"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2767,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1397\/revisions\/2767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/formweh.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}