{"id":1385,"date":"2010-08-23T12:13:54","date_gmt":"2010-08-23T11:13:54","guid":{"rendered":"http:\/\/formweh.de\/?p=1385"},"modified":"2012-02-16T19:18:45","modified_gmt":"2012-02-16T18:18:45","slug":"1385","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/formweh.de\/?p=1385","title":{"rendered":"Die Kunst des Plagiats I"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1386\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><span><span><span><span><a href=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/mies-brno-chair.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1386\" class=\"size-thumbnail wp-image-1386\" title=\"mies-brno-chair\" src=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/mies-brno-chair-150x150.jpg\" alt=\"Sessel Brno\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/mies-brno-chair-150x150.jpg 150w, https:\/\/formweh.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/mies-brno-chair.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><\/span><\/span><\/span><\/span><p id=\"caption-attachment-1386\" class=\"wp-caption-text\">Original oder F\u00e4lschung? Sessel Brno von Mies van der Rohe<\/p><\/div>\n<p>Die Fraktionsr\u00e4ume im Berliner Reichstag sind mit dem \u00bbFreischwinger\u00ab von Mart Stam ausgestattet, einer M\u00f6belinnovation der zwanziger Jahre. Designklassiker aus dieser Zeit sind l\u00e4ngst prestigetr\u00e4chtige Statussymbole mit geradezu staatstragenden Qualit\u00e4ten. So orderte das Bundespr\u00e4sidialamt Sitzm\u00f6bel von Ludwig Mies van der Rohe, einem der bekanntesten deutschen Designer der Bauhaus-\u00c4ra. Dass sich auch die G\u00e4ste bei ARD-Talkshow am Sonntagabend auf St\u00fchlen von Mies r\u00e4kelten, passte da nur ins Bild. Der Fauxpax: Die illustren Gespr\u00e4chspartner sa\u00dfen auf unautorisierten Nachbauten. <!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Wer hierzulande einen Klassiker herstellen und vertreiben will, braucht dazu eine Lizenz. Die lag in diesem Falle bei der M\u00f6belfirma Knoll, die die No-Names erkannte und unb\u00fcrokratisch ersetzte. Die offiziellen Hersteller der M\u00f6belklassiker sind jedoch keineswes immer so kulant. Nicht wenige besch\u00e4ftigen Detekteien, die insbesondere in Neubauten einen argw\u00f6hnischen Blick auf das noble Mobiliar werfen. Bekannt wurde die Aff\u00e4re um das Berliner Grandhotel Esplanade, das seine G\u00e4stezimmer unter anderem mit Ledersesseln des schweizer Designers Le Corbusier ausgestattet hatte. Ein Designschn\u00fcffler der italienischen Firma Cassina &#8211; die daf\u00fcr das Monopol besitzt &#8211; hatte beim Probewohnen entdeckt, da\u00df es sich um Produkte aus unbekannter Quelle handelte. Das Berliner Landgericht verurteilte die Nobelherberge daraufhin, die inkriminierten Polsterm\u00f6bel in \u00fcber hundert Zimmern und Suiten zu ersetzen.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">\u00bbNotwendige Apparate des Lebens\u00ab wollte der Bauhaus-Designer Marcel Breuer mit seinen M\u00f6beln schaffen. Und sein Zeit- und Gesinnungsgenosse Le Corbusier erkl\u00e4rte kategorisch: \u00bbEin Stuhl ist auf keinen Fall ein Kunstwerk.\u00ab Die Meister der klassischen Moderne sahen ihre Entw\u00fcrfe als Gebrauchsgegenst\u00e4nde und wollten deren Bedeutung deshalb auf ihre reine Funktion reduziert wissen. Die deutsche Justiz ficht das nicht an. Seit Ende der achtziger Jahre wurden Le Corbusiers Sessel \u00bbLC2\u00ab sowie die Liege \u00bbLC4\u00ab in einem Musterproze\u00df als Kunstwerke im Sinne des Urheberschutzgesetzes anerkannt. Seitdem gehen hierzulande nur die Modelle von Cassina als \u00bbOriginal\u00ab durch. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Andere Unternehmen, die solcheine eintr\u00e4gliche Lizenz in ihren Besitz gebracht haben, sind unter anderem Classicon (M\u00f6bel von Eileen Gray), Fritz Hansen (St\u00fchle und Sessel von Arne Jacobsen), Tecta (Sitzm\u00f6bel von Marcel Breuer, Walter Gropius und Mies van der Rohe), Tecnolumen (Leuchte von Wilhelm Wagenfeld) und Thonet (Sessel von Mart Stam und Mies van der Rohe) &#8211; allesamt renommierte Marken, die f\u00fcr exzellente Verarbeitung und satte Preise stehen. Seit Designobjekte hierzulande h\u00f6chstrichterlich in den Olymp gesch\u00fctzter Kunstwerke erhoben wurden, l\u00f6sten die Monopolisten eine wahre Proze\u00dflawine aus. In hunderten von F\u00e4llen mu\u00dften M\u00f6bel, denen es am rechten Markenzeichen und h\u00e4ufig auch an Qualit\u00e4t mangelte, vom Markt genommen und Lagerbest\u00e4nde vernichtet werden.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Die inkriminierten Designobjekte kommen zumeist aus Italien und Spanien, L\u00e4nder in denen sich das k\u00fcnstlerische Copyright nicht auf M\u00f6bel und andere Alltagsprodukte erstreckt. Dort hat sich eine ganze Branche auf die Produktion preiswerter Klassiker-\u00bbPlagiate\u00ab spezialisiert, darunter jede Menge Klitschen, aber auch Hersteller, wie etwa die italienische Firma B.R.F., die mit Klassikern wie Le Corbusier Millionenums\u00e4tze macht und sie in zahlreiche L\u00e4nder exportiert. \u00bbAllein auf juristischer Ebene l\u00e4\u00dft sich das Problem nicht meistern\u00ab, meint angesichts dessen ein Anwalt der Firma Knoll. \u00bbDie Plasgiatoren\u00ab, klagt er, \u00bbsind wie eine Hydra\u00ab. Vermehrte sich diese vormals in erster Linie per Kleinanzeige, bedienen sich die professionellen Designkopisten mittlerweile zunehmend virtueller Methoden. Das Angebot von M\u00f6belklassikern im Internet boomt und ist kaum noch kontrollierbar. \u00c4hnlich wie in der Musikbranche scheint hier das Urheberrecht zu korrodieren, weil es der Kommunikationsgesellschaft nicht mehr entspricht. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Die Geschichte des modernen Designs war auch eine Abfolge juristischer Auseinandersetzungen. Bestes Beispiel: die Stahlrohrm\u00f6bel der Vorkriegszeit. 1932 verklagte zum Beispiel Thonet die Kopenhagener Firma Fritz Hansen, ein Hersteller, der heute selbst rigoros gegen jede unbefugte Herstellung seiner eigenen Klassiker zu Felde zieht. Die D\u00e4nen hatten damals offensichtlich einen hinterbeinlosen Stuhl von Mart Stam abgekupfert &#8211; den ber\u00fchmten \u00bbFreischwinger\u00ab, um den es seit seiner Entstehung hei\u00df her gegangen war. Da\u00df selbst die Meister der Moderne es in Fragen der Urheberschaft nicht immer ganz genau nahmen, zeigt folgenes Beispiel. Als der Holl\u00e4nder Stam Mitte der zwanziger Jahre seinem Kollegen Mies van der Rohe seinen \u00bbFreischwinger\u00ab erl\u00e4uterte, hatte der nichts Besseres zu tun, als flugs eine eigene Version der Stamschen Idee herauszubringen. Stam sicherte sich sp\u00e4ter auf gerichtlichem Wege die Rechte an seiner Erfindung.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Hinter dem Hickhack um die Klassiker stand von Anfang an die grunds\u00e4tzliche Frage nach Original und F\u00e4lschung. Kann eine solche Unterscheidung bei einem industriell geferigten Serienprodukt \u00fcberhaupt greifen? Meint der Begriff des Originals nicht etwas Einmaliges? Dann w\u00e4re h\u00f6chstens der Prototyp des Designers als solches zu bezeichnen und der Anspruch heutiger Hersteller auf Authentizit\u00e4t grunds\u00e4tzlich fragw\u00fcrdig. Genau diese Auffassung vertritt auch der K\u00f6lner Galerist Ulrich Fiedler, ein intimer Kenner der M\u00f6belmoderne, der sich als \u00bbDesign-Arch\u00e4ologe\u00ab bezeichnet. Fiedler sieht in den Originalmodellen der 20er Jahre \u00bbRelikte einer Utopie\u00ab. Jeder Nachbau eines Klassikers kann dagegen nicht mehr sein als ein &#8211; mehr oder weniger solide ausgef\u00fchrtes &#8211; Stilm\u00f6bel, eine moderne Form des Historismus.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Die Problematik um Original und F\u00e4lschung kommt bereits in Wortsch\u00f6pfungen wie \u00bbOriginal-Reproduktion\u00ab zum Ausdruck, einem Widerspruch in sich. Wohl eines der markantesten Beispiele f\u00fcr das zeitgem\u00e4\u00dfe Tuning eines angeblich sakrosankten Klassikers ist Marcel Breuers sogenannter \u00bbWassily\u00ab-Sessel, inzwischen der Inbegriff f\u00fcr den fortschrittlichen Geist des Bauhauses und f\u00fcr klassisch-modernes M\u00f6beldesign \u00fcberhaupt. Aber was hat ein hochgl\u00e4nzender verchrohmter Stahlrohrsessel mit fester Lederbespannung eigentlich noch mit dem urspr\u00fcnglichen Entwurf gemein? Breuer konstruierte verschiedene Versionen seines epochalen Sitzm\u00f6bels. Der erste Prototyp war vernickelt, hatte statt Kufen vier seperate F\u00fc\u00dfe und war fest verschwei\u00dft. Breuer wollte ein leichtes, bewegliches M\u00f6belst\u00fcck schaffen. Dies entsprach dem funktionalistischen Konzept eines flexiblen Wohnstils, wie ihn die Bauh\u00e4usler propagierten. Aus diesem Grund wurde f\u00fcr die Bespannung eines besonderes Material entwickelt: Eisengarn, ein leichter aber strapazierf\u00e4higer Stoff. Der Breuersche Ur-Sessel wog viereinhalb Kilo. Das aktuelle Lizenzmodell &#8211; inzwischen im Sortiment der Firma Knoll &#8211; bringt dagegen rund zehn Kilo auf die Waage, also mehr als das Doppelte. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Marcel Breuer hatte seinen Sessel sachlich als \u00bbB3\u00ab numeriert. Im Zuge der Globalisierung firmiert das St\u00fcck inzwischen zumeist als \u00bbWassily Chair\u00ab (nach Breuers K\u00fcnstlerkollegen Wassily Kandinski). Wer die Luxusvariante von Breuers Geniestreich erwirbt, ist also alles andere als der Besitzer eines Originals. Der Nachbau hat mit Breuers urspr\u00fcnglichen Ideen in etwa soviel zu tun wie der \u00bbNew Beetle\u00ab mit dem Volkswagen der drei\u00dfiger Jahre. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Beim Streit ums Originaldesign kommt es zu einer innigen Verkn\u00fcpfung kommerzieller Interessen mit der k\u00fcnstlerischen Aura. Die Vielfalt der Entw\u00fcrfe wird dabei auf einzelne Entw\u00fcrfe und Personen reduziert. Dies funktioniert auf dem Markt sp\u00e4testens seit den designverr\u00fcckten achtziger Jahren. Seitdem huldigt die Branche einer Art Starsystem nach hollywoodscher Manier. \u00bbMart Stam\u00ab, sozial engagierter Architekt und Eigenbr\u00f6tler, ist heute ebenso ein eingetragenes Markenzeichen wie \u00bbMarcel Breuer\u00ab. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman Standard;\"><span style=\"font-size: x-small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Knolls unbefangener Umgang mit Breuers Original ist dabei keineswegs ein Einzelfall. Da\u00df es Le Corbusiers Sessel \u00bbGrand Confort\u00ab inzwischen auch als Sofa gibt, ist ebenfalls eine reine Marketingidee. Nach einer Original-Zeichnung des \u00bbMeastros\u00ab &#8211; so der Titel der Serie bei Cassina &#8211; w\u00fcrde man vergeblich suchen. \u00c4hnliche Gestaltungsfreiheit nahmen sich auch andere Hersteller, wie etwa Fritz Hansen bei der \u00bb7er-Serie\u00ab von Arne Jacobsen. Der Sperrholzstuhl der als erstes massenproduziertes M\u00f6belst\u00fcck gilt, wird seit den neunziger Jahren in einer breiten Farbpalette angeboten, die von Giftgelb bis Feuerwehrrot reicht. Angesichts dieses fr\u00f6hlich-bunten Spektrums mag sich Jacobsen, ein Stil-Purist, der nur neutrales Beige und Grau akzeptierte, schon ein ums andere mal im Grabe umgedreht haben. <\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fraktionsr\u00e4ume im Berliner Reichstag sind mit dem \u00bbFreischwinger\u00ab von Mart Stam ausgestattet, einer M\u00f6belinnovation der zwanziger Jahre. Designklassiker aus dieser Zeit sind l\u00e4ngst prestigetr\u00e4chtige Statussymbole mit geradezu staatstragenden Qualit\u00e4ten. 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